Bastelstunde: Adventskalender für Autonome
24 Fensterscheiben für die Vorweihnachtszeit
Die Weihnachtszeit nähert sich mit Riesenschritten. Endlich dürfen wir uns wieder auf friedliche lange Einkaufssamstage im Kreise unserer 400 000 in sich gekehrten Mitmenschen freuen, welche in Erwartung der frohen Festtage mit uns gemeinsam die quälenden Stunden vor den langen Kassen verbringen. Andächtig singen wir in der Schlange stehend, im Einkaufswagen sitzend oder am Punschstand liegend wieder altbekannte Lieder, duzen uns beim Faustkampf um den letzten LCD-Fernseher zum
Supersonderweihnachtsspezialausverkaufspreis, reichen dem unterlegenen Kontrahenten frische Taschentücher nach der gewonnen Schlacht und gehen dann gemeinsam und “Oh du fröhliche” singend ins nächste Krankenhaus, um uns dort per se und per Sie über unsere Anwälte weihnachtliche Grußbotschaften zu schicken.
Doch was wäre das bevorstehende Weihnachtsfest ohne einen ordentlichen Adventskalender? Nichts, rein gar nichts! Wer möchte nicht Tag für Tag das nächste kleine Fenster aufmachen, um zu sehen, was denn der Adventstag so alles mit sich bringt? Haben wir nicht alle das tief in uns schlummernde Bedürfnis, bibelfest und gläubig wie wir nun ein- bis zweimal im Jahr sind, dem Fest der Feste entgegenzufiebern und uns langsam, aber mit viel Krach auf die Grippe unter der Krippe vorzuarbeiten? Hat nicht schon wieder Jesus kurz vor dem jüngsten Scherbengericht auf dem riesengroßen Scherbenhaufen gesagt: “Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!” und manch politischer Zeitgenosse: “Wer ohne Pfründe ist, sei verwerflich und kein richtiges Schwein!“. Und weil “Freie Zeit“, der Blog für Versicherungsfragen und Schadensfälle, in Zeiten wie den kommenden, in denen die Kinderlein kommen und manche erst gar nicht gehen, auch an die Bedürftigen denkt, basteln wir uns heute einen ganz besonderen Adventskalender. Einen sogenannten Adventskalender für Autonome.
Denn was viele Menschen vergessen. Auch Autonome wollen die autonomen Feiertage mit dem eigenen Adventskalender und 24 Fenstern zum Einschlagen Aufmachen genießen. Weshalb aber gibt es fast nur solch ordinäre und nichtssagende Adventskalender mit diesen immergleichen langweiligen Motiven, welche außer für schreiende Kinder, schreiende Mütter, schreiende Väter, schreiende Großmütter, schreiende Großväter, schreiende Patchwork-Familien, schreiende Tanten und schreiende Onkel niemanden, aber auch wirklich niemanden, außer vielleicht schreiende Kinder, schreiende Mütter, schreiende Väter, schreiende Großmütter, schreiende Großväter, schreiende Patchwork-Familien, schreiende Tanten und schreiende Onkel so wirklich glücklich machen? Aus diesem Grund hat “Freie Zeit“, der Blog für grippegeschwächte Irokesen und verschnupfte linke Bazillen, ganz sponti-spontan beschlossen: Wir basteln uns einen Adventskalender der besonderen Art, welcher in der Vorweihnachtszeit so richtig einschlagen wird.
Was benötigen wir für solch ein Wunderwerk der scheppernden Transparenz und klirrenden Durchsichtigkeit? Zuerst natürlich einmal einen geeigneten Adventskalender. Und hier gilt: Besser nicht am falschen Anfang sparen, damit das dicke Ende umso klingender ist. Wer also mit dem Gedanken spielt, das eigenen Einfamilienhaus während der Dezembertage unter Beschuss zu nehmen, sollte immer daran denken, dass möglicherweise die eigene Haushaltsversicherung nicht für alle Fensterscheiben, welche in der besinnlichen Zeit zu Bruch gehen, aufkommen wird. Klären Sie also unbedingt im Vorfeld ab, am besten vor dem 01. Dezember, ob Sie gegen Glasbruch und so weiter unbegrenzt versichert sind. Es kann durchaus passieren, dass der freundliche Versicherungsvertreter am 03. Dezember auf eine Tasse Kaffee bei Ihnen hereinschneit und Sie vor die vollendete Tatsache stellt, dass Sie Ihren selbst gebastelten Adventskalender ab sofort fremdfinanzieren müssen, weil pro Jahr maximal drei Fensterscheiben in der Vorweihnachtszeit eingeschlagen werden dürfen. Ein kurzer Anruf sollte genügen, damit Sie wissen, ob Sie auch noch am Heiligabend im Halbrund Ihres autonomen Freundeskreises die letzte und schönste Fensterscheibe einschlagen dürfen, ohne gleich mit irgendwelchen Bagatelldelikten belästigt zu werden.
Außerdem sollten Sie akkurat und sehr penibel mit Ihrem Architekten und den Handwerkern bereits bei Baubeginn abklären, dass auch wirklich 24 Fenster für die Vorweihnachtszeit zur Verfügung stehen. Was nützt der schönste unterkellerte Fertigteile-Adventskalender, wenn Sie am 23. Dezember vor verschossenen Fensterscheiben stehen und keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen will, weil keine Fensterscheibe mehr zum Einschlagen Aufmachen da ist? Na - sehen Sie, was ich meine?
Wer kein eigenes Haus mit eigenen Gleitsichtfenstern zur Verfügung hat, sollte jetzt nicht verzagen. Schauen Sie sich einfach rechtzeitig nach dementsprechenden Adventskalendern um oder fragen Sie den Arzt oder Apotheker Ihres Vertrauens. Gerade diese Berufsguppen sind über die Feiertage oftmals verreist und stellen Ihnen die eigenen vier Wände mit den darin eingebauten Fenstern gerne zur Verfügung. Wenn Sie sich sowieso krankschreiben lassen oder einen Abtreibungstermin vereinbaren möchten, können Sie ja gleich einmal anfragen, ob noch Termine frei sind. Sollten Sie eine Absage bekommen oder Ihr Gynäkologe Ihnen mitteilen, dass das Haus in der Vorweihnachtszeit schon an eine Erste-Klasse Patientin vergeben ist, wechseln Sie einfach Ihren Arzt und suchen Sie einen neuen Arzt Ihres Vertrauens. Auch die Krankenkassen haben hier schon wertvolle Dienste geleistet.
Was viele nicht wissen. Auch altruistisch veranlagende Versicherungsgesellschaften und menschlich verweichlichte Banken sind gerne bereit, in der Adventszeit unbürokratisch und zu günstigen Konditionen und niedrigen Fensterbrettern auszuhelfen. So gewähren viele Kreditinstitute zinslose Fremdscheibenkredite ohne Regressforderungen und das übliche Großaufgebot an Exekutive. Für besonders verdienstvolle Autonome sogar ohne das lästige Vermummungsverbot. In einem besonders kundenfreundlichen Fall wurde der Hausmeister überdies damit beauftragt, die in Frage kommenden Adventskalenderfenster von 1 bis 24 zu bemalen, um das Einschlagen Aufmachen zu erleichtern. Dass dabei bereits am 02. Dezember alle 24 Fensterscheiben zu Bruch gingen, lag wohl mehr daran, dass er sehr unleserlich geschrieben hatte als an den Autonomen. Dass der Vorstandsvorsitzende der betroffenen Bank sich öffentlich dafür entschuldigte und einen Solidarzuschlag mit Solidareinschlag gewährte, zeigt, dass sich die Finanzplätze durchaus der Idee christlicher Nächstenliebe bei geöffneten Fensterscheiben geöffnet haben.

