Lukas, der Lokomotivführer entführt ICE
Permanente Unzufriedenheit im Job wahrscheinlich ausschlaggebend
Der kurz vor seiner Pensionierung stehende bundeslahme Bundesbahn-Angestellte, ein Lokomotivführer ersten Stranges namens Lukas (Nachname ist der “Freie Zeit“-Redaktion wie immer am Anfang bekannt), hat nach Angaben der Bundeszentrale für abgängige Schaltzentralen und dezentrale Gangschaltungen während des Feierabendverkehrs einen
Pendlerzug plus Entzugserscheinungen mitsamt dem durchwegs abwegig durchgängig anhänglich vorhängenden ICE “Schlummerland-Express” und aufgehängter ständig zäh vor sich hin und her tropfender Stoppuhr sowie 14 abgängigen Fahrgästen ausgependelt und danach entführt. Die Situation dürfte wahrscheinlich im Moment vollkommen entgleist sein, was dem ICE aber noch nicht passiert sein dürfte. Der Hochgeschwindigkeitszug der neuesten Triebwerk-Schadensgeneration samt beigelegtem Blanko-Entschuldigungsschreiben der Bahn, welcher im Hauptbahnhof München abfahrtbereit auf seine vierstündige Verspätung wartete, wurde nach Angaben der nicht zu ermittelnden Verschlampten von Lukas mit der Aufforderung “Bitte nachtreten. Vorsicht: Türen schießen!” in seine Gewalt gebracht, ordnungsgemäß verschlossen und in Gang gesetzt. Ob der Mann dabei Helfershelfer hatte oder ganz alleine auf die blöde Idee kam, wollten, konnten, durften und mussten die verschlampten Ermittler nicht sagen, setzten aber alle Hebel in Bewegung, um der unerlaubten Bewegung des ICE auf die Sprünge zu kommen.
In Zeiten, in denen die Bahn durch die beinahe schon konkurrenzlos günstigen Angebote von Billigfluglinien wie “Das Leben des Brian Air - Vom Kreuzweg ins Cockpit“, “chicken wings - Ihr Kotzen ist unser Fluglärm” oder der ebenfalls sehr empfehlenswerten und kurz vor dem Abschmieren stehenden “Easy Cheesy Jet - einfach easy cheesy fett“, ist solch eine Schreckensmeldung fast schon nicht mehr zu entsaften und wohl auch nicht zu verkraften.
Ein Augenzeuge, welcher auf den Gegenzug aus Freilassing wartete und währenddessen ein kleines Picknick auf der wenig befahrenen Bahnstrecke mit dem örtlichen Bahnhofsvorsitzer im Stehen und seinem Kollegen, dem Bahnhofsvorsteher, welcher im Sitzen dem stehenden Treiben der picknickenden Stehenden zusah, abhielt, machte jedoch eine wichtige Zeugenaussage, welche den verschimmelten Gesandten möglicherweise auf die Sprünge helfen könnte: “Ja, da war so ein kleiner Junge. Dunkelhäutig, ziemlich mager und mit lauter Schnüren, welche von oben herabhingen. Erst dachte ich mir nichts dabei, weil es hängt sich schließlich jeden Tag irgendwer am Hauptbahnhof auf. Aber als ich dann diesen Entführer, Lukas sagten Sie, sah, fiel mir auf, dass dem auch soviele Schnüre und Seile herab-, nein eigentlich hinaufhingen. Naja, und dann hab’ ich eben zwei und zwei voneinander abgezogen und herausgekommen ist, naja, Sie wissen schon, was das eben so gibt. Erst hab ich gedacht, dass sich heute eben zwei aufhängen, weil es so schönes Wetter ist, aber das war dann doch irgendwie komisch. Naja, und dann ist der ICE plötzlich losgefahren. Owohl er seine vier Stunden Verspätung noch gar nicht beisammen hatte. Da war mir klar, dass da was nicht stimmen kann. Weil so etwas hat es in den letzten sieben Jahren noch nie gegeben. Doch, einmal, als die aus Versehen die Winterzeit eine Stunde zu früh umgestellt haben. Da sind sie nur mit drei Stunden Verspätung losgefahren und ich hab natürlich prompt den Zug verpasst. Nicht einmal auf die Bahn ist mehr Verlass, hab ich mir gedacht.“
Gewissenhaft und geduldig nimmt der vermittelte Abgesandte die Worte des kauenden Mannes auf und prüft danach, ob zwei minus zwei auch wirklich das ergibt, was der wichtige Augenzeuge gesagt hat. “Mhm, mhm, tststs. Also ich komme da aber auf ein ganz anderes Ergebnis. Sie gaben zu Protokoll, dass Sie zwei von zwei abgezogen haben und heraus gekommen ist das, was Sie eben gesagt haben. Das kann aber nicht stimmen, was Sie da eben gesagt haben und auch wortwörtlich zu Protokoll gegeben haben, weil wenn ich zwei von zwei abziehe, kommt ganz was anderes heraus, als was Sie angegeben haben und was ich laut Ihrer Aussage protokolliert habe.” Plötzlich sind die Augen des versandeten Vermittlers hellwach und verengen sich zu schmalen Schlitzen, während er den wichtigen Augenzeugen aus geschlitzten Verschmalungen fixiert. “Nein, nein, nein! Sehen Sie, wenn Sie die beiden Zweiern bei die Eier nehmen, bleibt doch logischerweise zweimal Zw übrig. Und wenn Sie dann Zw und Zw voneinander abziehen, bleibt das übrig, was ich zu Protokoll gegeben habe. Ist doch ganz einfach.” “Wissen’s was, gehn einfach weiter. Weil sie stören meine mittleren Verschlampungen und unmittelbaren Entgleisungen.“
Von Lukas, dem Lokomotivführer und dem entführten ICE fehlen bis heute jede Spur. Was aus dem vermeintlichen Helfershelfer geworden ist, konnte von den geschüttelten Entmannten ebenfalls noch nicht verhüttet werden. Alles hängt an einem oder sogar vielen seidenen Fäden. Lukas, der Lokomotivführer, Jim Knopf, der kleine Junge und natürlich auch der verschwundene ICE. Das Leben hängt an einem seidenen Faden. Und der seidene Faden, der hängt auch am seidenen Faden. Nur die Verspätungen hängen nicht daran. Die haben sie ganz einfach verschlampt. Denn zwei minus zwei macht vier. Manchmal zumindest. Und manchmal macht zwei minus zwei auch nichts. Und alles hängt am seidenen Faden. Auch im friedlichen Schlummerland der Bahn. Und alles ist ein riesengroßes Marionettentheater.

