Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

23.9.2011

Paul Boegle neulich in der Wiener Kanalisation

Abgelegt unter: Neulich in ... — Paul Boegle @ 08:32


Paul Boegle neulich in der Weltgeschichte. Mit Büstenhalter, Stethoskop und einem Loch in der Birne auf Spurensuche im Alltag. Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken und sonstige Freiheiten von Paul Boegle.Der Dritte Arm vom Dritten Mann: Ein Film, zwei Kanäle, drei Arme

Neulich in der Wiener Kanalisation. Die Ratten pfeifen ein fröhliches Lied, das Echo hallt tausendfach durch die finsteren Gewölbe. Mit zarten Händen und feinen Klauen schreiben sie ihren immer gleichen Refrain “Hier gilt die Unschuldsvermutung” an die dicht mit abgegoltenen Unschuldsvermutungen besudelten österreichischen Wände. Tief unten in der Wiener Kanalisation ziehen sie ihr dichtes Netzwerk aus vermuteter Unschuld und unvermuteten Schuldbekenntnissen ohne Mut zum Bekenntnis, welche nicht rechtskräftig und unter voller Berufung aus berufenen verteidigenden Mündern im unschuldsvermuteten Gewirr der losgelassenen Bodenständigkeit und ständigen Bodenlosigkeit kommentarlos und unschuldsbeteuernd in langen Prozessionsprozessen dahinziehend mit dem kontaminierten Strom aus Geld und vorurteilsfreien Vorteilen im Nirgendwo versickern. 

Ein Schatten wirft sich gegen die Rundungen, hastet weiter. Deutlich zeichnen sich die Konturen von Hut und Mantel gegen den grauen Himmel des niedrigen Gewölbes ab. Keuchend folgt er seinem Herrn auf Schritt und Tritt. Eine eiserne Leiter reckt sich in die Höhe und verschwindet im schwarzen Loch der Decke. Der Schatten springt auf die Sprossen, wandert zwischen Leiter und Mauer dahin, teilt seinen schwarzen Körper, um danach wieder zu sich selbst zurückzufinden und in neuerlicher Vereinigung weiterzujagen.Paul Boegle neulich in der Wiener Kanalisation. Der dritte Arm vom Dritten Mann. Ein Film, zwei Kanäle, drei Arme und keine Ahnung, weshalb ich diese Kurzgeschichte geschrieben habe.

Ein Mann verschwindet. Lange bellen die Schritte gegen die Mauern aus Stein und Beton und füllen die stickige Luft mit barer Münze. Der Schatten wird kleiner. Die vor wenigen Sekunden noch klaren Konturen von drei Armen mit drei Händen am Körper eines Dritten Mannes werden fortgerissen und folgen widerstrebend dem Herrn und Gebieter aus Blut und Fleisch. Kein Festhalten, kein Ausrasten. Weiter drängt der Dritte Mann mit dem dritten Arm, hält fest, was ihm gehört und reißt den Schatten mit sich. 

Plötzlich stellt sich ein zweiter Abwasserkanal dem Dritten Mann mit dem dritten Arm in den Weg. Von rechts fließt leise glucksend dreckiges braunes Wasser, trifft im Mittelpunkt auf die stinkende Brühe aus dem Hauptkanal und vereint sich in trägem Siechtum zu einem größeren Strom aus abgebrühten Fäkalien und nimmersatter Abgestorbenheit. Begehrlich lecken die Zungen aus Scheiße an den Schuhen des Dritten Mannes mit dem dritten Arm und wispern ihr Hohelied der Unschuldsvermutungen. Vorsichtig dringt das schmutzige Nass durch die glatten Ledersohlen, saugt sich in die schwarzen Socken hinein und bleibt schmatzend im Inneren der Schuhe liegen. Langsam gleitet es dahin, schmiegt sich zärtlich an die Körperwärme und füllt jede Lücke mit breiiger Gleichgültigkeit.

Dies ist die wahre Geschichte vom dritten Arm und seinem Dritten Mann. Ein Film, zwei Kanäle, drei Arme und absolut keine Ahnung, weshalb ich diese Kurzgeschichte verfasst habe. Aber natürlich gilt auch für mich die Unschuldsvermutung. Und solange die Ratten in dunklen Kanälen dem Geld hinterher pfeifen, kann ihnen wenigstens nicht der Himmel auf den Kopf fallen. Doch dies ist wiede eine andere Geschichte.

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