Lärmbelästigung durch Knäckebrot
Genuss von Knäckebrot so laut wie Tornado-Kampfjet
Ein gesundheitsbewusster Mann muss sich nun vor dem Wiener Landesgericht wegen Lärmbelästigung und Ruhestörung verantworten. Weil Paul Bögle, für ihn gilt die Unschuldsvermutung, auch nach mehrmaliger Aufforderung durch die Polizeibehörden nicht auf das Essen von Knäckebrot nach 22:00 Uhr verzichten wollte, kommt es jetzt zum Prozess gegen den Lärmsünder.
Grund für die Anklage ist die fortlaufende Ruhestörung, welche bereits viele NachbarInnen des Querulanten zur Verzweiflung treibt. Messungen durch das Umweltbundesamt bei der Nachbarsfamilie haben ergeben, dass der Genuss einer Scheibe Knäckebrot so laut ist wie die Doppeltriebwerke eines startenden Tornado-Kampfflugzeuges. Selbst in einer Entfernung von 400 Kilometern an der deutsch-österreichischen Grenze war das Krachen der explosiven Vollgetreide-Mischung noch mit einer Lautstärke von 163 Dezibel zu hören. Da das Bundes-Umgebungslärmschutzgesetz mit Regelung vom 04.08.1994 (siehe dazu Bundes-LärmG §§ 412, II, 3 bis 675, VII, 8) jedoch eine maximale Belastung durch Sprengstoff- und Brotkörper von 124 Dezibel in der Zeit von 22:00 - 6:00 Uhr vorsieht, an Sonn- und Feiertagen maximal 66 Dezibel, muss sich Herr Bögle, für ihn gilt immer noch die Unschuldsvermutung, jetzt vor einem Zivilgericht verantworten.

Die GemeinschaftsklägerInnen berufen sich dabei auf eine von ihnen in Auftrag gegebene Umweltverträglichkeitsprüfung, welche den Nachweis erbracht hat, dass der Genuss von Knäckebrot zu gesundheitlichen Folgeschäden führen kann. Besonders das extrem lärmende Knäckebrot “Wasa Ekstasa” fiel schon in der Vergangenheit durch extrem lautes Krachen auf. Eine Nachbarin von Paul Bögle muss bereits ein Hörgerät tragen. “Es war an einem Samstag. Das weiss ich noch genau, weil da “Wetten dass …? ” lief und ich den Thomas (Anm. d. Red.: Thomas Gottschalk) nicht mehr verstanden habe. Auf einmal war da nur noch ein Pfeifen und im nächsten Moment hab ich meinen Mann nicht mehr verstanden. Ich versteh zwar meinen Alten auch sonst nicht, aber jetzt hab ich ihn gar nicht mehr verstanden.” Nervös drückt die liebenswerte Dame die Zigarette im vollen Aschenbecher aus, um sich sofort den nächsten Glimmstengel mit fahrigen Bewegungen anzuzünden.
Als “Freie Zeit“, der Blog für Pfeiftöne, Dudelsäcke und andere Pfeifen und Säcke, den Angeklagten in seiner Wohnung zur Rede stellen möchte, werden wir durch ein infernalisches Geräusch empfangen. Plötzlich beginnt sich der Verputz von den Wänden des Gemeindebaus zu lösen, zwei Fenster bersten im ersten Stock und die Türe einer Etagentoilette wird mit einem lauten Knall aus den Türangeln gesprengt. Die alte Dame, welche uns gerade noch Rede und Antwort stand, sitzt lesend auf der WC-Schüssel und murmelt, ohne aufzublicken: “Herein!” Zumindest glauben wir, dies an ihren Lippen ablesen zu können. Das Knäckebrot hat uns das Trommelfell zerrissen.
Stumm blicken wir aus dem Fenster. Die erst letzte Woche provisorisch aufgestellte Lärmschutzwand liegt in Trümmern da. Ein zuckendes Paar Schuhe schaut unter den Ruinen hervor. Unser Kameramann, welcher bereits sein Equipement zum parkenden Auto tragen wollte, liegt im Sterben unter den Resten des Schallschutzes. Ein riesiger Splitter aus Plexiglas hat ihm die Oberschenkelarterie aufgeschlitzt.
Mit Handzeichen verständigen wir uns darauf, das nächstbeste Taxi aufzuhalten und uns mit einem schönen weichen Hawaii-Toast zu stärken. Die alte Dame winkt uns freundlich zum Abschied zu, während sie sich langsam, aber für uns unhörbar, von der Toilette erhebt.

