Gotham City leidet unter Fledermausplage
Riesige Scharen von Fledermäusen bevölkern Gotham
Das in der englischen Grafschaft Nottinghamshire liegende Städtchen Gotham oder Gotham City wird seit Monaten von einer fast schon unheimlichen Fledermausplage heimgesucht. “Es müssen Millionen sein. Bulldog-Fledermäuse, Glattnasen, Schweinsnasenfledermäuse. Ich glaube, hier haben sich mittlerweile sämtliche bekannten Arten versammelt. Sogar einige Flughunde und einen Flugsaurier haben wir schon gesichtet. Wenn das so weiter geht, müssen wir überlegen, ob wir nicht ballistische Raketen aus London anfordern sollten.” Resigniert deutet B. Atman, der Bürgermeister der ansonsten idyllischen kleinen Stadt mit dem Zeigefinger auf eine riesige dunkle Wolke über unseren Köpfen, welche sich rasend schnell zwischen den Straßenschluchten der wenigen Hochhäusern in Gotham City hin- und herbewegt, um schon wenige Augenblicke später hinter dem Kirchturm unseren Blicken zu entschwinden.
Auf die Frage von Paul Bögle, dem fliegenden Reporter von “Freie Zeit“, dem Blog für Ultraschall und Magnetismus, warum sich die fliegenden Säugetiere ausgerechnet in Gotham City niedergelassen haben, findet niemand eine plausible Antwort. Clark Kent, ein befreundeter Biologe des Bürgermeisters, welcher gerade in der Stadt auf Erholungsurlaub weilt, vermutet, dass es möglicherweise mit der Blutgruppe der EinwohnerInnen zu tun haben könnte. “Seltsamerweise haben hier alle die Blutgruppe Rhesusaffe Macaca mulatta. Wir haben jetzt etwa 90 Prozent der hier lebenden Bevölkerung getestet und alle haben dieselben Antigene. Ob das aber mit den Fledermäusen in kausalem Zusammenhang steht, können wir leider noch nicht sagen. Aber wir arbeiten daran.”
Der Biologe mit dem weißen Arztkittel und dem Stethoskop über dem etwas altmodischen und in die Jahre gekommenen blauroten Jogginganzug verabschiedet sich von uns und holt sich eine ältere Dame, um ihr mit einer dünnen Nadel nach mehrmaligen Ansetzen aus der Rollvene ein paar Tropfen Blut in die Ampulle zu ziehen. Wieder verdunkelt ein lautloser Schwarm die strahlende Nachmittagssonne über uns. Nur wenige Sekunden dauert der Spuk, bevor sich die Sonnenstrahlen wieder in den spiegelnden Glasfenstern der Bürogebäude reflektieren.
“Attackieren die Fledermäuse eigentlich auch die Menschen hier?”, will Paul Bögle wissen. “Naja, grundsätzlich haben wir damit bisher noch keine Probleme gehabt. Unlängst starb zwar ein Mann durch einen tollwütigen Fuchsschwanz. Aber ob sich der Fuchsschwanz wiederum durch eine Fledermaus infiziert hat, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Dazu müssen wir erst einmal das Videomaterial der Überwachungskameras von dem Baumarkt auswerten. Aber wir arbeiten daran.”
Plötzlich erklingt ein markerschüttender Schrei, zieht sich brüllend durch die leeren Straßen von Gotham City und wirft sein Echo gegen die Hauswände der englischen Kleinstadt. Wir zucken zusammen, Gänsehaut fließt wie elektrischer Strom durch unsere Körper und stellt uns die Nackenhaare auf 12 Grad Fahrenheit. Die ältere Dame stößt einen spitzen Schrei aus, reißt in einer raschen Bewegung den Unterarm an sich und die Nadel bohrt sich durch die Vene hindurch in das runzelige Fleisch. Hässlich klingt die dünne Metallnadel, als sie sich knirschend an der Elle vorbei in das tote Fleisch bohrt und die Spitze am Knochen abbricht. Ein roter pulsierender Schwall warmen Blutes schießt aus der Öffnung und trifft Clark Kent im Gesicht. Langsam lecken dünne Rinnsale über die Augenbrauen des Biologen, gleiten an den stoppeligen hohlen Wangen zu beiden Seiten bis zum Kinn hinunter und versammeln sich zu einem Miniatursee, bevor sie Tropfen für Tropfen auf den blauroten Strümpfen einen nässenden Fleck hinterlassen.
Lautes Glassplittern löst sich in der Stille auf. Die Geräusche von berstenden Autoscheiben und das Stöhnen von sich deformierenden Metall schlängelt sich durch die urbane Betonlandschaft. Dann ist es von einem Moment auf den anderen wieder ruhig. Lautlos lastet der nahende Tod über unserer kleinen Gruppe und breitet seine unsichtbaren Schwingen nur wenige Meter neben uns unbarmherzig aus. Eine riesige Fledermaus liegt auf dem glühendheißen Asphalt. Ihre Flügel sind seltsam geknickt, der massige Oberkörper liegt unter einem Auto begraben und gibt nur den unteren Teil preis. Immer schwächer wird das Zucken der Gliedmaßen, immer leiser das unmenschliche Wimmern, immer hoffnungloser die Agonie, welche sich gegen das Unabänderliche sträubt. Ein allerletztes Mal bäumen sich die beiden mit Getriebeöl besprenkelten Flügel unter der Karosserie auf, bevor die riesige Fledermaus für immer in der Nacht des ewigen Vergessens versinkt.
“Wahrscheinlich hat der Tragus versagt. Den brauchen solche Viecher für die Echolokation.” Sorgfältig wischt sich der Biologe Clark Kent die langsam trocknenden Blutspritzer ab und versucht, der leichenblassen und röchlenden Dame die letzten Minuten ihres Daseins mit beruhigenden Worten zu versüßen.

