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9.4.2011

Das Menschheitsbild beim ORF

Abgelegt unter: Zeit-GenossInnen — Paul Boegle @ 06:12


ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz

sagte in einem Interview mit der “Zeit” folgendes: “Die Privaten tun so, als wäre der Mensch fertig, und weiden ihn aus. Wir sind der Meinung, dass der Mensch nicht fertig“Die Privaten tun so, als wäre der Mensch fertig, und weiden ihn aus. Wir sind der Meinung, dass der Mensch nicht fertig ist und weiter zivilisiert werden muss. Das heißt, wir haben auch eine gesellschaftliche Utopie zu befördern. Wir gehen von einem unfertigen Menschenbild aus, die Privaten von einem fertigen, das sie kommerziell ausnützen. Deshalb geben sie ausschließlich dem Affen Zucker.” (Zeit online: “Es wird immer enger für uns.” Wolfgang Lorenz, Programmdirektor des ORF) ist und weiter zivilisiert werden muss. Das heißt, wir haben auch eine gesellschaftliche Utopie zu befördern. Wir gehen von einem unfertigen Menschenbild aus, die Privaten von einem fertigen, das sie kommerziell ausnützen. Deshalb geben sie ausschließlich dem Affen Zucker.” (Zeit online: “Es wird immer enger für uns.” Wolfgang Lorenz, Programmdirektor des ORF)

Jetzt stellt sich für mich natürlich die Frage: Weiden die privaten Fernsehsender den fertigen Menschen aus und nimmt der ORF quasi als Kompensationsgeschäft den noch unzivilisierten Menschen auseinander oder begnügt sich der ORF mit den übriggebliebenen abgenagten Resten der von den Privaten verschmähten medialen Gebeine des fertiggemachten Menschen und macht aus diesen unfertigen Stücken den neuen fertigen ORF-Menschen? Habe ich sozusagen die zukünftige Möglichkeit, als erfolgreiches Abbild des österreichischen Rundfunks durch die Zivilisation zu geistern oder zumindest den Hauch einer Chance, vom ORF erst dann kommerziell verwertet und ausgeweidet zu werden, wenn Herr Lorenz sagt: “Ich habe fertig!“  

Das macht mich richtig fertig. Es nagt an mir. Die Selbstzweifel haben sich meiner bemächtigt. Da habe ich direkt vor meiner von der Evolution so benachteiligten Nase jene Lichtgestalt der laufenden Bilder sitzen, welche mich aus den Klauen der medialen privaten HöllenfürstInnen der Finsternis befreit und merke es nicht einmal. Schande über mich und meine Unfertigkeit. Ich bin ein telegener Neandertaler. Ein Fernseh-Primat der untersten Stufe. Ein Steinzeit-Flachbild. Ein hominides Testbild auf Röhrenniveau. Ein nass gewordenes Lagerfeuer im ORF-Flächenbrand. Schande über mich und meine Fernbedienung.   

Jeden Tag sitze ich im bequemen Fauteuil bis spät in die Nacht, lasse DSDS und Dieter Bohlen über mich herabregnen. Ich applaudiere tapfer, wenn alle bei der richtig beantworteten 5,50 Euro Frage von “Wer wird Millionär?” tapfer Beifall klatschen. Ich beisse mir die Fingernägel bis aufs Nagelbett wund, wenn CSI Miami, New York, Albuquerque oder Detroit den TäterInnen durch Methoden, welche ein Mensch noch niemals zuvor gehört geschweige denn ausprobiert hat, endlich auf die Schliche kommen. Ich schreie “Zeter und Mordio“, wenn sich ”Richter Alexander Hold” oder Alexander von Humboldt oder Alexander der Große oder Alexander Unhold wer auch immer Tag für Tag mit schuldigen Elefanten und unschuldigen Menschen auseinandersetzen muss.        

Einfach kläglich, wie ich mich durch die Fernsehlandschaft zippe und zappe. Nichtsahnend, dass nur ein paar Sendeplätze weiter vorne das Paradies auf mich wartet. Und deshalb gibt Herr Lorenz auch gleich noch ein weiteres Gustostückerl zum Besten. Ein paar Fragen vor der Zivilisationsproblematik des Homo sapiens, welcher vor der ORF-Mattscheibe seiner endgültigen Fertigstellung durch die Programmverantwortlichen flehentlich entgegenfiebert und hoffnungsfroh entgegensieht, äußert sich der Programmdirektor des ORF zum eigenen Programmangebot folgendermaßen: “Die Unterhaltung, die wir produzieren, ist nicht strohdumm, sondern in vielen Teilen sehr gefällig.”

Ja, Paul Bögle möchte endlich zu jenen Menschen gehören, welche vom ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz zivilisiert werden wollen. Ich will öffentlich-rechtlich verträglich werden. So wie Konrad Lorenz für seine Graugänse der “Einstein der Tierseele” war, möchte ich Wolfgang Lorenz als Grauseher dienlich sein. Und als Zeichen meiner Unterwerfung habe ich mir das heutige Fernsehprogramm des ORF nonstop reingezogen. Es hat sich gelohnt. Ich bin restlos begeistert von der “in vielen Teilen sehr gefälligen Unterhaltung” des ORF. Ich konnte sekündlich den Atem der Zivilisation spüren, eine geheimnisvolle Aura des Fertigmachens und bin förmlich auf den Schwingen der gesellschaftlichen Utopie auf den Küniglberg und wieder zurück geflogen. Ich habe das Kuckucksnest aus der Vogelperspektive gesehen. Ich bin quasi der öffentlich-rechtlich geläuterte Randall Patrick McMurphy der GIS-Gebühren. 

Hand aufs Herz“, gefolgt von der Telenovela “Anna & die Liebe“. Mir stockt jetzt noch der Atem. Gefolgt von zwei Folgen von “Eine schrecklich nette Familie“. Als säße ich mitten in der großen ORF 1-Familie. Ein Zipp-zapp und ich war mitten drin im Zivilisationsprogramm von ORF 2. “Frisch gekocht mit Andi und Alex” und danach ebenfalls eine Telenovela mit dem wunderbaren Titel “Wege zum Glück“. Grandioses Fernsehen. Doch dann konnte ich mich nicht entscheiden. Bleibe ich auf dem eingeschlagenen Pfad von ORF 2 und folge den geistigen Hundehaufen “Herzflimmern - Die Klinik am See“, “Sturm der Liebe” und als krönendes Highlight meiner menschlichen Umstrukturierungsmaßnahmen “Die Barbara Karlich Show” oder zipp-zappe ich revolutionär-euphorisch wieder zu ORF 1 und lache herzlich mit den “Gilmore Girls“, “Malcolm mittendrin” und dem gelbgesichtigen Homer Simpson um die Wette.

Ich habe mich für den ersten Weg entschieden. Denn um 17:55 Uhr spielt es noch einmal “Hand aufs Herz” und danach gleich wieder “Anna & die Liebe” und weil ich zur Mittagsstunde wohl aufgrund eines kleinen Nickerchens die beiden Folgen etwas unzivilisiert verfolgt hatte, schaue ich mir natürlich mit geistigem Vollgas und frisch und ausgeruht diese Fernseh-Deformationen an. Aber dann geht es Schlag auf Schlag!

Erst rinnt “Scrubs” aus dem Kanal, dann der versoffene “Onkel Charlie” und als finale Brachial-Offenbarung der medialen Restaurierung vor dem ORF-Hauptabendprogramm gibt sich Dominic Heinzl mit “Chili - Society” die Ehre. Ich muss erst einmal Luft holen. Geht aber nicht, denn jetzt fängt “Dancing Stars” an. Sozusagen das zweidimensionale fleischgewordene Synonym für das spiegelblanke Parkett der modernen Unterhaltungsindustrie. Wobei sich mein zurückgebliebener prähominider IQ nur unwesentlich unterhalb der verbalen Geröllwüste der Moderation bewegt.

Was dann kam, weiß ich nicht mehr. Ob ich die Euromillionen gewonnen habe, werde ich hoffentlich nie erfahren. Aber ein Fernsehtag beim ORF hat aus mir einen vollkommen neuen Menschen gemacht. Herr Lorenz hatte tatsächlich recht, wenn er sagt: “Wir sind der Meinung, dass der Mensch nicht fertig ist …” Das passiert erst nach solch einem wundervollen Tag inmitten des ORF. Ein Hoch auf die Zivilisation und alle darin lebenden unfertigen Menschen. Aber jetzt muss ich aufhören. Denn ich habe die Entscheidung von “Dancing Stars” verpasst. Doch Herr Lorenz war so freundlich, extra für mich im Nachtprogramm noch eine Wiederholung zu senden. Es geht doch nichts über “eine schrecklich nette Familie“.               

    

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