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8.4.2011

Grabtuch von Turin zu heiß gewaschen

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 11:22

Gesicht von Jesu bei 95 Grad gebleicht

Katastrophe in Italien!” “Turin hat Jesus reingewaschen.” “Grabtuch von Turin jetzt porentief rein.” So lauten die heutigen Schlagzeilen der Weltpresse. Grund für die Hysterie in den Medien und der gesamten Glaubensgemeinschaft: Das weltberühmte Grabtuch von Turin, welches scheinbar das Anlitz von Jesus Christus zeigt, wurde aufgrund eines Missverständnisses bei Reinigungsarbeiten zur säkularen Kochwäsche der Kirche gelegt und bei 95 Grad gewaschen. Herausgekommen ist ein blütenweisses Leinentuch in der Größe 4,34 x 1,08 Meter. D.h., nicht nur das Bild des Erlösers auf dem Grabtuch wurde er- oder besser gesagt abgelöst, sondern das Leinentuch hat auch noch jeweils zwei Zentimeter seiner ursprünglichen Grösse von 4,36 x 1,10 Meter eingebüßt. 

Nachdem aufgrund der bevorstehenden Osterfeiertage neuerliche Radiokohlenstoff-Untersuchungen an dem umstrittenen Leinentuch vorgenommen wurden, die Auswertungen werden pünktlich zu den Osterfeierlichkeiten der römisch-katholischen Kirche präsentiert, sollte das Grabtuch eigentlich wieder fein säuberlich verpackt in den Katakomben des Turiner Domes verschwinden, um das Ganzkörperbildnis vor Licht und Schmutz zu schützen. Doch dabei kam es zu einem fatalen Kommunikationsfehler zwischen den SindonologInnen und der für die Schmutzwäsche der Kirche zuständigen Reinigungsfirma “Pecore nere imbiancare“.

Anstatt die unzähligen Reinigungstücher, welche von den WissenschaftlerInnen im Zuge der archäometrischen Untersuchungen am Grabtuch verwendet wurden, noch einmal fein säuberlich auszusortieren und zu untersuchen, fiel den Reinigungskräften das Turiner Grabtuch in die Hände. Und weil sie die darauf befindlichen Abdrücke für Schmutzablagerungen respektive für Schweißflecken der schwer arbeitenden und schwitzenden Untersuchungsgruppe hielten, warfen sie das Leinentuch auf den Haufen der dreckigen Wäsche.

Grabtuch von Turin im Kochwaschgang reingewaschen.Der Rest ist Geschichte.

Der Vatikan hat nun eine klerikale Sonderkommission ins Leben gerufen, welche mit den Ermittlungen betraut wurde. Dabei gilt es zuallererst einmal zu klären, ob die Reinigungsfirma eine Schuld wegen grob fahrlässiger Teufelsanbetung trifft oder ob die ExpertInnen selbst nicht anders handeln hätten müssen. In einem ersten Schritt wurde nun das gesamte Abwasser der Kanalisation in einem speziell für diese Zwecke zur Verfügung stehenden Klärbecken gesammelt, um möglicherweise noch heilige Kleinstpartikel aus der Brühe zu filtern. Denkbar wäre es nach Don Balsamico, dem Vorsitzenden der Expertenkommission, auch, dass in den Gewässern die Kleinteile durch UV-Licht zum Leuchten gebracht könnten. Dieser sogenannte Heiligenschein-Effekt mit Placebo-Wirkung wurde nach Bekunden Seiner Exzellenz schon bei früheren unerklärlichen Phänomen beobachtet, wie er ”Freie Zeit“, dem Blog für Schlafgemächer und anderen Ungemach, erklärte.

Weiterhin wurde auch eine Spezialabteilung der Schweizergarde in den Norden Italiens abkommandiert, um die Waschmaschine, in welcher der HERR höchstpersönlich sein Antlitz steckte oder dessen Umrisse eben versehentlich in dieselbe gesteckt wurden, Tag und Nacht zu bewachen. Unter den gestrengen Augen und Hellebarden der Wächter der Waschmaschine darf sich niemand in den näheren Umkreis wagen. Die Befürchtungen sind groß, dass diese Waschmaschine von radikalen Gruppierungen geraubt werden könnte. Streng geheime Ermittlungen haben ergeben, dass eine bisher unbekannte Glaubensgemeinschaft mit dem absonderlichen Namen “Reinwaschen im Namen des HERRN” angekündigt haben soll, die Waschtrommel in einer Nacht und Nebel Aktion aus dem Gehäuse auszubauen und diese von ihrem obersten Zeremonienmeister segnen zu lassen.  

Unbestätigten Meldungen zufolge haben nun bereits drei verschiedene Waschmittel-Produzenten ihre Dienste dem Vatikan angeboten, welche während des Ostersegens des Papstes als Hauptsponsor auftreten möchten. Das verlockende Angebot eines der Hersteller: Für eine einmalige Spende von 425 Millionen Euro solle der Papst zu Ostern statt des üblichen “Urbi et Orbi” ein ”Urbi et Omo” lauthals in die gläubige Runde auf dem Petersplatz schmettern. Zusätzlich wurde der römisch-katholischen Kirche zugesichert, dass sämtliche MitarbeiterInnen des Waschmittel-Produzenten dafür für die nächsten vier Jahre ihre Kirchenbeiträge pünktlich zahlen. Und bei neuen Einstellungen wird zukünftig sorgsam darauf geachtet, dass potentielle BewerberInnen ohne Religionsbekenntnis erst dann eine Chance auf den Arbeitsplatz bekommen, wenn sie zum römisch-katholischen Glauben konvertieren und sich verpflichten, während der Dauer des Dienstverhältnisses mindestens achtmal pro Woche die betriebseigene Firmenkapelle besuchen. 

Freie Zeit“, der Blog für Reinheitsgebote und Kirchenaustritte, hält dies wohl für die vernünftigste Lösung, um aus dem strahlenden Grabtuch von Turin jetzt noch den größtmöglichen Profit zu schlagen.            

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