Paul Bö(ll)gle: Ansichten eines virtuellen Clowns
Curriculum vitae eines vom Leben Gezeichneten.
Die groteske Hinterglasmalerei eines farblosen Menschen.
In die Welt hinausgeworfen und einfach liegengelassen. Ein Clown erblickt das Lebenslicht und beginnt sich umzublicken. Was er sieht, macht ihn glücklich. Leid, Unglück, Missgunst und Kriege. Wohin das Clownauge blickt, sieht er in die Abgründe der menschlichen Seele. Tiefe Gräben, tiefschwarz und bodenlos. Finster und nichtssagend wie der kleine, wortlose Clown selbst. Dann fängt er an, sich für die Maskerade des Lebens vorzubereiten. Dick trägt er die Farben auf.
Langsam beginnt er, die Zusammenhänge zu verstehen. Es gibt keine, welche zu begreifen wären. Also fängt er an, seinen Teil dazu beizutragen. Er scheisst seine erste Windel voll. Die grosse Welt applaudiert und heisst ihn herzlich willkommen.
2. Das Leben des Clowns
Der Clown bleibt liegen. Von unten blickt er nach oben. Von links schaut er nach rechts. Was er sieht, macht ihn noch glücklicher. Zum Leid der Welt ist sein eigenes Leid hinzugekommen. Zum Unglück der Welt hat er sein eigenes Unglück dazu geschaufelt. Zur Missgunst der Welt hat er seine eigene Missgunst gelegt. Mit den Kriegen der Welt hat er seinen eigenen Krieg begonnen.
Der Clown hat die Windeln abgestreift. Nun macht er ungebremst in die Hosen. Die Welt applaudiert, der grosse Clown hat die Zusammenhänge verinnerlicht. Es gibt keine, welche zu verinnerlichen wären. Er heisst andere kleine Clowns herzlich willkommen. Das Erwachsenen-Dasein hat ihn bereits gezeichnet. Immer dicker trägt er die Schminke auf. Langsam beginnen die anfänglichen Farben zu verblassen und der Hosenscheisser Paul Bögle wird endlich zum erwachsenen Clown.
3. Der Tod des Clowns
Der Clown legt sich nieder. Für immer blickt er aus geschlossenen Augen nach oben. Nicht links, nicht rechts, nur unten. Was er nicht mehr sieht, würde ihn glücklich machen. Er hat Leid der Welt sein eigenes Leid genommen. Unverschämt hat er die unglückliche Welt um sein eigenes Unglück betrogen. Die Missgunst der Welt ist um ein kleines Stückchen Missgunst ärmer. Unter den Kriegen der Welt hat er seinen eigenen Krieg begraben.
Der Clown hat die Windel mitgenommen. Die eigene vollgeschissene Windel. Vollgeschissen hat er die Welt betreten und vollgeschissen hat er die Bühne des Lebens wieder verlassen. Der Applaus der Welt ist plötzlich verstummt. Zusammenhänge haben sich aufgelöst, welche niemals verinnerlicht waren. Andere Clowns blicken neugierig in das tiefschwarze, bodenlose Clownauge der Abgründe. Dann schminkt er sich langsam ab. Sein Lachen verdunkelt die Welt.


