Menschenscheuer Kannibale verhungert
Misanthropie war sein Tod
Kurt, der Kannibale ist tot! Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der letzte frei lebende Kannibale Mitteleuropas aufgrund akuter Hungersnot kurz vor Mitternacht. Obwohl die Ärzte alles kannibalenmögliche versuchten und ihn sogar mit einer Kochsalz-Hüftknochen-Lösung stundenlang zu reanimieren versuchten, hatte Kurt keine Chance. Wie die behandelnden Ärzte nun resigniert und völlig erschüttert “Freie Zeit“, dem Blog für Delikatessen und Fleischbeschau mitteilten, dürfte letztendlich die fortschreitende Misanthropie für den Tod des allseits so beliebten Menschenfleisch-Verköstigers verantwortlich gewesen sein. Kurt zog sich in seine Höhle zurück, die Touristen folgten ihm leider aufgrund des dicht gedrängten Tagesprogramms nicht, welche die FremdenführerInnen ihnen vorgaben.
Ein einziger Rucksack-Tourist hatte sich im letzten halben Jahr in sein Refugium verirrt. Und selbst dem hat er aus lauter Menschenliebe nur die beiden Hände und den linken Unterschenkel amputiert. Paul Bögle, das vermeintliche Opfer von damals, spricht heute noch in den höchsten Tönen von Kurt und lobt die Gastfreundschaft des immerzu zu Scherzen aufgelegten Menschenfressers. “Er hat mich sogar gefragt, ob ich Links- oder Rechtshänder bin. Und als ich gesagt habe, Rechtshänder, da hat er mir zuerst die linke Hand abgenommen, damit ich noch ein Weilchen in der Nase bohren konnte. Er war total nett und irre rücksichtsvoll. Danach hat er mich sogar zurück zum Bus gebracht und mir die Fahrkarte in die nächste Stadt bezahlt. Das muss man sich mal vorstellen! Und wenn ich wieder mal vorbeischauen möchte, lädt er mich sogar zum Essen ein. Ein toller Typ, dieser Kurti.”
Frau Prof. Dr. Annegret von Saftlos, welche den Einzelgänger bereits seit Jahren psychologisch betreut hatte, in einer ersten Stellungnahme: “Kurt hatte so viele hervorragende Eigenschaften” erzählt sie mühsam unter tränenerstickter Stimme. “Alleine wie er den Touristen, welche sowieso keine Videokamera oder einen Fotoapparat mit hatten, die Köpfe abbiss, ohne die anderen beim Filmen und Fotografieren zu stören. Immer hat er nur Rücksicht auf die anderen genommen. Einmal hat er mir voller Stolz gesagt, dass er einen Oberschenkelhalsknochen mit Knoblauchzehen und Petersilie 17 Stunden lang auf kleiner Flamme geköchelt hat. Das Fleisch muss danach butterweich gewesen sein, obwohl der Spender schon weit über 80 Jahre alt gewesen sei. Ja, Kurt verstand wirklich etwas von seinem Handwerk.”
Behutsam versuche ich, die Psychologin zu trösten. “Schauen Sie, Frau Doktor. Kurt ist jetzt im Kannibalenhimmel. Fernab von Touristenscharen und Blitzlichtgewitter. Ich glaube, bei all den Fastfoodketten hätte er sowieso keine nahrhafte Kost mehr gefunden.” Danach beisse ich sie zärtlich in den Hals. Sie ist Vegetarierin. Und ich liebe Rohkost.









