Christiania: Freistadt im Abseits
Ein besetztes Militärgelände kommt in die Jahre
Wer an Kopenhagen denkt, assoziiert dies wahrscheinlich als erstes mit der kleinen Meerjungfrau, jener steingewordenenen Reminiszenz an den dänischen Märchenerzähler und Schriftsteller Hans Christian Andersen. Wer Kopenhagen sagt, denkt an die Schlösser Rosenborg, Amalienborg, Charlottenborg und Christiansborg innerhalb des Stadtkerns der dänischen Hauptstadt.
Kopenhagen steht für schlichtes dänisches funktionelles Design, den ältesten Vergnügungspark mit Namen Tivoli und für die alte Börse, deren vier ineinander verschlungene Drachenschwänze aus Bronze auf der Spitze des Turms möglicherweise das damalige schändliche Treiben darunter und darin anklagten. Wer will dies schon so genau wissen?
Doch Kopenhagen bietet auch fernab der touristischen Pfade Seltsames und Ereignisreiches, wenngleich die mittlerweile berühmt-berüchtigten sogenannten “Slumstormers” auch schon in die Jahre gekommen sind. Slumstormers, Hausbesetzer oder im eigenen Sprachgebrauch Christianitter nennen sich jene meist jungen Menschen einer Periode unserer Zeigeschichte, als der Vietnamkrieg gerade seinen Höhepunkt erreichte, freie Liebe mehr als nur ein Wort war und Blumen der friedliche Protest einer ganzen Generation war. So mache ich mich also auf den Weg in den Kopenhagener Stadtteil Christianshavn, um auf jenen Spuren der Slumstormers zu wandeln und möglicherweise noch jene vergangenen Relikte oder sogar gegenwärtigen Überbleibsel einer Protestbewegung aufzufinden, welche nicht immer mit friedlichen Mitteln ihre Interessen vertrat.
Schrill und bunt: Christiania auf den ersten Blick
Über und über mit Graffiti besprüht stellt sich der lange Holzzaun den Neugierigen in den Weg, welcher die Hauptstadt Kopenhagens vom 34 Hektar großen Areal der Freistadt Christiania trennt. 1971 wurde das ehemalige Militärgelände aus Mangel an verfügbarem Wohnraum im Kopenhagener Stadtteil Christanshavn besetzt, um fortan als sogenanntes “soziales Experiment” den Aussteigern zu dienen. Der Name “soziales Experiment” wurde allerdings erst dann Programm, als die Verantwortlichen keine andere Möglichkeit mehr sahen, die Hausbesetzer mit friedlichen Mitteln aus den okkupierten Gebäuden zu vertrieben. Ein Paradoxon: Aus einem ehemaligen militärischen Bereich entstand die Heimstätte einer Friedensbewegung.
Wer durch die Löcher der morschen Bretter späht, entdeckt dichtes Gestrüpp und wild wucherndes Strauchwerk, welches seine vielgliedrigen Hände schützend vor Entdeckung und Entdeckt werden hält. Auch hier herrscht die Angst vor fremden Blicken, welche sich ungefragt und unaufgefordert klammheimlich in die Privatsphäre jener drängen könnten, welche eigentlich jeden Gleichgesinnten willkommen heißen. Die Natur als Blickfänger im Roggen, natürlich gewachsene Barriere zwischen unvereinbaren Ideologien, nur durch wenige Zentimeter in die Jahre gekommenen morschen Holzes voneinander getrennt. Selbstverwaltung, Autonomie, eigene Gesetzgebung waren jene Motive und Zielsetzungen, welche Christiania lange Zeit zu einem Vorzeigeprojekt innerhalb der Rechtsstaatlichkeit des dänischen Staates machten und deren Ideale sich trotz der Freizügigkeit hinter einer selbst gezogenen Grenze vor jenen verstecken, welche sich jenseits der Demarkationslinie befinden.
Wer den Schritt weiter wagt und sich unter dem hölzernen Tor hindurch auf das Hoheitsgebiet von Fristad Christiania begibt, hinaus aus der EU, wie auf der anderen Seite
des hölzernen Tores geschrieben steht, wird möglicherweise nicht mehr lange auf dem Boden dieses autonom verwalteten und nur von wenigen Regeln beschränkten Gebietes wandeln können. Straßenschlachten im Jahr 2007 und 2008 (zur Entwicklung des Projektes Christiania und dem Status Quo im Jahr 2010 siehe das Video am Ende des zweiten Teils mit dem Titel “Freistadt Christiania: Drogen und Sumpf”, welcher in Kürze veröffentlicht wird) und das per 2009 eingeräumte gerichtliche Urteil, das Viertel räumen zu lassen, beenden vielleicht eine fast 40jährige Geschichte. Doch wie sieht es hinter diesen Kulissen von heiler Welt, idyllischer Selbststaatlichkeit, geregelter Unreglementiertheit und Hippie-Dasein aus?
Der schmale Weg in die Stadt, welche von geschätzten 1000 Menschen noch bewohnt wird, wird links von Sträuchern und Bäumen begrenzt und rechts leitet einen der bunte Holzzaun auf einem ungeteerten Weg in die Siedlung. Bunte Farben aus Spraydosen haben Bilder an die Hausfassaden gemalt, die Namen jener HausbewohnerInnen hinterlassen, welche zuerst hier einzogen und in vielen Fällen bereits von der zweiten oder sogar dritten Generation ergänzt oder abgelöst wurden. Ein Geist mit umgehängter Wolldecke blickt lachelnd von der Veranda eines Hauses den Entgegenkommenden entgegen. Abschreckung auf christianitisch.
Vor dem großen Tor zur Grå Hal, der grauen Halle am Anfang der Fristadt Christiania, drängen sich die Menschen. Hauptsächlich Touristen können sich der Neugierde nicht verschließen, einen Blick in den von alten 68ern, Hippies oder sonstigen der Communitiy zugehörigen Einwohnern geführten Anti-Weihnachtsmarkt zu werfen. Zumindest komme ich mit dieser Erwartungshaltung hierher. Eine ältere Frau schüttelt am Eingang unentwegt eine Blechdose, sitzt einfach lächelnd da und scheppert sich mit monotonen Auf- und Abwärtsbewegungen durch die Menschen, welche in das düstere Innere der grossen Halle drängen und meist achtlos an den bittenden metallischen Tönen vorbeischlendern. Ich werfe eine Fünfkronenmünze und ein paar kleinere Münzen in den blechernen Mund, werde mit einem kurzen “Tak”, jenem dänischen “Danke” belohnt, bevor die Dame schon wieder neuen Besuchern das Wehklagen aneinanderschlagender Münzen entgegenhält.
Drei alte Kronleuchter hängen von der Decke, deren Konstruktion aus schweren Holzbalken im schummrigen Licht der dreckigen Glühbirnen das darunterliegenden dichte Gedränge nur unwirklich beleuchtet. Eine Frau sitzt hinter ihren Lampenschirmen, während sich vor ihrem Stand der Besucherstrom an den davor Stehenden teilt und in zwei kleineren Strömen links und rechts zäh weiterfließt. Das Handy am Ohr, bewegen sich ihre Lippen und reden über den Lärm hinweg in den kleinen Apparat, welcher sie mit mir Unbekannt verbindet. Fahrradhelme mit Totenkopfschädeln hängen neben Jimi Hendrix Fahnen, selbstgestrickte Wolljacken sind neben Töpferwaren aufgereiht. Auf dreieckigen Lampenschirmen heben sich Comicfiguren gegen das Licht der Glühbirnen ab, ein schwarz.weiss geflecktes Kuhfellmuster wird von zwei schwarzen Plüschstreifen eingegrenzt.
Bunte Sterne hängen über den Köpfen der Besucher und wollen gekauft werden. Daneben hängen grüne Plastikgirlanden im Tannenlook mit darin eingearbeiteten Lichterketten, wie es sie in jedem Baumarkt jetzt in der Weihnachtszeit zu kaufen gibt. “Made in China” und “Made in Christiania“ in trauter friedlicher Eintracht in der dänischen Enklave. “Nicht nur zur Weihnachtszeit” wäre man versucht zu sagen in Anlehnung an Heinrich Böll. Mitten in einem der schmalen Gänge steht ein junger Mann. Eine dunkelblaue Uniform und schwarze Handschuhe. “Security” steht unübersehbar auf seiner Jacke. Besucher oder bezahlter Dienstnehmer? “Der Feind in meinem Bett“ denke ich ungeniert, während ich mich weiter schieben lasse und geschoben werde, vorbei am großgewachsenen Dänen, welcher meine Sicherheit gewährleistet oder auch nicht. Ich weiß es nicht, doch die Fassade der heilen Welt Christiania bröckelt langsam vor sich hin. Hinten im Eck ein kleines provisorisches Cafe. Ein
Kaffee und ein Stück Kuchen. Im Plastikbecher und auf einem Plastikteller bekomme ich, was ich geordert habe. Der Kaffee ist heiß, der Kuchen gut. Zurück bleibt der Plastikmüll. Die Risse in den imaginären Mauern werden tiefer.
Ein in rotes künstliches Licht getauchter Stand vor dem Cafe. An dünnen Schnüren hängen kleine zarte gläserne Christbaumkugeln neben kleinen zarten gläsernen Engeln. Japanische Fächer breiten sich neben japanischen Hinterglasmalereien mit Motiven japanischer Geishas aus. Drachenornamente halten Zwiesprache mit klassischen Weihnachtsmännern im klassisch kitschigen roten Weihnachtsmannkostüm. Die Farben Christianias blättern unerbittlich im kalten Advent ab. Ich hebe den Blick zur Decke. Die Kronleuchter blicken gelassen aus gläsernen Augen von oben herab und zählen die Scheine und Münzen in den Händen der Besucher und Besuchten. Ich brauche eine Zigarette. Rauchverbot! Also raus hier.
An buntbemalten Hausfassaden geht es Richtung Zentrum der Stadt in der Stadt. Auf einem Balkon hängt einsam eine Weihnachtsbeleuchtung, schaukelt leise im kalten schneidenden Wind. Um das rostige Geländer geschlungen blinken blaue kleine Glühbirnen über den Köpfen der Touristen. Ihr Licht verpufft fast wirkungslos im fahlen Tageslicht, welches sich zwischen die alten Fabrikhallen aus Ziegelsteinen drängt.
Alte Fahrräder lehnen am Mauerwerk, die Lenker und Sättel unter frischen Schneehauben versteckt. Auf dem fensterlosen Aus einem alten Ölfass steigt rußiger schwarzer Rauch. Immer wieder schlagen die hellen Flammen aus dem schwarzen verkohlten Loch und bleiben für einen kurzen Moment an den Rändern stehen, bevor sie wieder suchend ihre heißen Köpfe in die Höhle stecken. Dann tauchen sie erneut an der Oberfläche auf und fletschen ihre gelben Zähne, zeigen mit den orangefarbenen Zungen auf mich und verschwinden wieder in der Tiefe des Industriemülls.
Eine Frau im weissen Pelzmantel hält ihre Kompaktkamera mit ausgestrecktem Arm von sich. Ein schwarzer Baum blickt aus vielen Augen auf die Fremden. “Die Geister, die ich rief” blicken höhnisch von dem ihnen zugewiesenen Platz auf uns. Das Wurzelwerk aus schwarzem Lack fischt nach den beiden Fahrrädern, welche beinahe bis zur Unkenntlichkeit im Schnee versunken dastehen und still und klaglos auf ihren Herrn und Meister warten. Ihre Freundin steht daneben und schaut gebannt auf die zwei Fenster im ersten Stock. Hinter den spiegelnden Scheiben blickt die Lautlosigkeit in die offenen staunenden Münder der beiden Frauen, bricht sich an den bibbernden Lippen, welche das stumme Echo zurückwerfen. Ein Foto für jene dort draussen, später zusammen mit den anderen Urlaubsfotos von Kopenhagen. “Ich war hier. Bei den Autonomen. Du weisst schon, diese Krawallmacher von Christina oder wie das heißt. Du kannst Dir ja nicht vorstellen, wie es dort ausschaut. Alles dreckig und überall liegt Müll. Und alles stinkt. Furchtbar. Und das hier auf dem Foto ist die neue Oper. Du weisst schon, die hat diese Reederfamilie dort hingestellt. Schaut toll aus, nicht wahr?”
Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, als ich die weitergehe. Am Ende der Strasse taucht rechts eine niedrige Bretterbude auf. “Woodstock” steht auf einer handbemalten Holztafel mit ungelenker Schrift rechts vom Eingang. Welcher Name würde besser zu dieser Kneipe passen, vor der drei in die Jahre gekommene Männer laut lärmend auf von Schnee bedeckten Holzbänken sitzen. Einer klopft gerade eine Holzpfeife auf dem ebenfalls hölzernen Tisch aus, bevor er sie in seiner zerrissenen Jacke verschwinden lässt. Sein Oberkörper unter dem dünnen Anorak wiegt sich in der blassen Kälte des Dezembers, während er aus glasigen Augen die Sekunden der Zukunft herbeisehnt.
Der zweite Teil unter dem bereits oben angeführten Titel “Freistadt Christiania: Drogen und Sumpf” folgt in Kürze.
Alle Bilder Paul Bögle.

