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4.12.2010

Steve Martin: Für eine Handvoll Dollar

Abgelegt unter: Zeit-GenossInnen — Paul Boegle @ 22:24

Ein Komödiant auf Abwegen

900 Menschen bekommen ihr Geld retourniert, genauer gesagt 50 Dollar. Diese Summe hatte jede(r) einzelne von ihnen bezahlt, um den gewichtigen Worten des Schauspielers Steve Martin zu lauschen. Das Kulturzentrum 92nd Street Y hatte geladen und 900 Menschen waren dieser Einladung gegen den schon angesprochenen Obulus von 50 Dollar gefolgt, um dem Gespräch zwischen der für die New York Times schreibenden Kolumnistin Deborah Solomon und dem Hollywood-Hochkaräter andächtig zu folgen. Denn schließlich, so Mr. Martin in einem Vorab-Email: Ms. Solomon “… is an outstanding interviewer.” Doch weither dürfte es mit den hervorragenden Qualitäten nicht gewesen sein, wobei es natürlich auch im Bereich des Möglichen liegt, dass sich der Schauspieler in falsche Sphären begeben hat, zumindest nach Dafürhalten des Publikums.

Zumindest hat sich die veranstaltende Plattform 92nd Street Y in Person von Sol Adler im Nachhinein in einer Aussendung dafür mit folgenden Worten entschuldigt: “We acknowledge that last night’s event with Steve Martin did not meet the standard of excellence that you have come to expect from 92nd St. Y. We planned for a more comprehensive discussion and we, too, were disappointed with the evening.” Das Interview entsprach also nicht dem üblichen “Standard an Exzellenz”, welchen das Publikum ansonsten zu bekommen gewohnt ist. Steve Martin war also schlichtweg eine Enttäuschung. Die New York Times schreibt in ihrem Artikel “Comedian Conversation Falls Flat at 92nd Street Y” sogar, dass das Interview in die Annalen als Desaster eingehen wird. Und das, obwohl er seine bis dato so hochgeschätzte und kongeniale Gesprächspartnerin über den grünen Klee gelobt hatte.  

Beim Lesen dieser ersten Zeilen dachte ich selbstverständlich, dass sich Mr. Martin wohl gehörig daneben benommen haben muss. Lüstern zählte ich im Geiste schon die Anzahl an “F..k you”, welche er der vollkommen konsternierten Moderatorin an den Kopf geworfen haben muss. Oder womöglich ist er sogar während des Gespräches aufgestanden, hat sich ganz genüsslich seiner Hosen entledigt und Deborah Solomon seinen blanken Schauspieler-Hintern vor ihr Gesicht und in die laufenden Kameras gehalten. Ich bekam, ich darf es Ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit jetzt gestehen, eine geistige Erektion sondergleichen. Der Mann ist ab jetzt in US-Amerika unten durch, dachte ich voller Wonne. Seine erste grosse Rolle in “Reichtum ist keine Schande” ab dem heutigen Tag ad acta gelegt. “Tote tragen keine Karos“, in Zukunft würde er sich so etwas wünschen. Eine Fortsetzung als Inspekor Clouseau in “Der rosarote Panther“? Aber sicher nicht mit dem grössten Flegel der Filmgeschichte.

Steve Martin: Ein Komödiant auf Abwegen.Bildquelle: The RealTimer 

Was hat denn Steve Martin so Verwerfliches getan, dass Veranstalter und die zahlenden Gäste so unzufrieden mit seiner Performance waren? Er hatte sich nach Meinung der Mehrheit zu sehr mit der aktuellen Situation der Kunstwelt beschäftigt. Möglich, dass er im Glauben war, dass eine Plattform wie 92nd Street Y, welche sich als ”cultural and community center” bezeichnet, auch diesen Themenbereichen etwas Positives abgewinnen kann. Kann schon sein, dass Steve Martin der irrigen Meinung war, dass jene zahlenden Gäste auch deshalb und gerne die 50 Dollar bezahlten, um einmal etwas über Kunst aus der Sicht eines Schauspielers zu hören. Selbst Frau Solomon war dann von einem Zettelchen überrascht, welcher sie informierte, dass sich Herr Martin wohl auf falschem Terrain bewege und aus diesem Grunde auch alle mit seinen Äusserungen langweile. Und, nachdem Deborah Solomon den Inhalt dieses Stückchen Papiers dem anwesenden Publikum vorgelesen hatte, wurde dies sogar mit frenetischen Beifallsbekundungen begleitet. Fragen über seine Filme zu beantworten, Rede und Antwort zu seiner Fernseh-Karriere zu stehen, diese Dinge interessiert Amerika.   Ronald Reagan: US-Präsidenten schiessen scharf.

In den USA herrschen andere Ansprüche und Erwartungen. Hier werden US-Präsidenten wenigstens noch daran gemessen, wie schnell sie ihren Colt ziehen können, am besten schneller als ihr schwarzer kriegsherrlicher Schatten. In den Vereinigten Staaten wird ein Gouverneur wenigstens noch daran gemessen, wieviele Statisten er im Laufe seiner schauspielerischen Karriere terminiert hat. Ich sehe für Steve Martin nur noch eine einzige Möglichkeit, um aus diesem Jammertal der Tränen mit kräftigen Klimmzügen wieder an die Oberfläche zurückzukehren. Er besinnt sich auf jene wichtigen Dinge des Lebens, welche die Öffentlichkeit von ihm erwartet, das amerikanische Publikum. Leichte Unterhaltung ist gefragt. Je leichter und seichter, desto befriedigter das 50 Dollar-Publikum. Und wenn er das begriffen hat, ja dann wird er der neue Präsident der USA. Oder zumindest Gouverneur. Übrigens folgte Steve Martin bereits zum zweiten Mal einer Einladung von 92nd Street Y und meinte deshalb auch nur lakonisch: “As for the Y’s standard of excellence, it can’t be that high because this is the second time I’ve appeared there.” Oder auf deutsch: “Der Standard an Exzellenz von Y kann so hoch auch nicht sein. Schließlich bin ich bereits zum zweiten Mal hier aufgetreten.”

    

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