Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

3.10.2010

Ruhepause

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 12:29

Der Rücken schmerzte höllisch. Das lange Liegen hatte sich förmlich als Dauerbrennen zwischen die Bandscheiben hineingefressen, kroch zwischen den Wirbeln nach oben und floss als Daueralarm in die Schmerzzone meines Gehirns. Ächzend drehte ich mich auf die linke Seite. Die Holzauflage, auf welcher ich ruhte, knirschte unter der Gewichtsverlagerung. Ich versuchte, die Knie etwas anzuwinkeln, doch die Beengtheit des Raumes ließ es kaum zu.

Wieder verharrte ich einige Sekunden. Kurzfristig hörte das Pochen auf. Ich drückte die Kniescheiben gegen die harte Seitenwand, bis der neue Schmerz das Stechen zwischen den Bandscheiben überlagerte. Dann tastete ich nach meinem Feuerzeug. Meine rechte Hand glitt in die enge Hosentasche der Jeans, suchte nach den charakteristischen Zähnen und fand schließlich, was ich suchte. Mit zwei Fingern fischte ich danach. Zweimal entglitt es mir, bis ich es endlich in der Hand hielt. Fest umschloss ich meinen Schatz, fühlte die Wärme meines eigenen Körpers, welche sich auf dem Plastikkörper eingelagert hatte.

Langsam drehte ich mich wieder auf den Rücken. Wieder verharrte ich, versuchte eine schmerzfreie Position zu finden. Mein Atem schlug gegen die obere Einfassung. Ich konnte förmlich die Grenze spüren, fühlte das Schwarz meiner Abgegrenztheit, welche mich vom Rest der Welt abschnürte. Meine Hand folgte meinem Atemstoss. Unsichtbar löste sie sich von mir, flog dem warmen Atem nach, bis sie nach wenigen Sekunden plötzlich zum Stillstand kam. Meine Fingerkuppen der linken Hand glitten über den Widerstand, fühlten die glatte Oberfläche, folgten ihr erst nach links nach, strichen nach rechts, ohne die Grenzen zu erfühlen. Immer weiter folgte ich der Unbestimmtheit, bis ich von einem Moment auf den anderen von der waagrechten Finsternis in die senkrechte Abgeschiedenheit wanderte.

Für einen kurzen Moment verharrte ich. Mein Daumen drückte weiter gegen den unsichtbaren Widerstand über mir, während der Zeigefinger gegen die Vertikalität des Raumes stieß. Leise entwich mein Atem. Überraschung machte sich breit, als ich begriff. Meine Hand schwebte zu mir zurück, legte sich wieder willenlos neben meinen Körper. Ich fühlte das Blut zurückkehren, welches das schlagende Herz in den Arm zurückpumpte. Meine rechte Hand hielt immer noch den Plastikkörper des Feuerzeugs fest umschlossen. Das verkrampfte Fleisch meiner Finger wollten nicht hergeben, was mir gehörte, mir alleine, unteilbar. Langsam öffnete ich die Hand, konnte das leise Öffnen in der Finsternis fühlen, welches als schwarze Offenporigkeit in die stille Geschlossenheit schwebte, sich überall breit machte, den kleinen Raum füllte, unangenehm und widerlich in die Ecken und Winkel kroch und von dort wieder zurückgeschleudert wurde und in meine Hand zurückkehrte.

Lebendig begraben: Ruhe sanft, Herr Paul Bögle!Einsamkeit rann die glatten Wände hinunter, sammelte sich in kleinen Lachen neben mir, füllte mich an und schwappte lautlos über mir zusammen. Einsamkeit wurde fühlbar, stieß mit ihrer Grenzenlosigkeit in die Nasenwurzel, verbrannte meine Nasenhaare und verbiss sich in den Windungen meines Gehirns. Dort lastete sie schwer, atmete im Takt meines schlagenden Herzens. Reste davon troffen weiter, füllten die Gehörgänge an, flossen träge an ihren Ausgangspunkt zurück, hinaus, hinein in den lautlosen Käfig.  

Schon strich mein Daumen über das metallene Rädchen des Zünders. Ich spürte die winzigen Zähne. Angenehm frassen sie sich in mich, nagten an mir, waren anwesend, leisteten mir Gesellschaft. Dann schleuderte ich das Feuerzeug gegen meine Füsse. Zwischen meinen Schuhen hindurch flog es gegen die Wand, traf dort auf und rieb sich lüstern am Holz. Kurz blitzte der schwache Strahl der Gasflamme auf. Die schwarzen Spitzen meiner Schuhe zeigten nach oben, weg von mir. Langsam entfernten sich die Schritte über mir. Ich ging mit ihnen. Hinein in die Unfreiheit des Lebens.      

        

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )