I Can Stalk U
Geotagging, Dein Freund und Helfer
Zumindest dann, wenn Sie vorhaben, Ihre Freunde auf Facebook oder Twitter ausspionieren zu wollen. Und seien wir doch einmal ehrlich: Wer möchte nicht wissen, wo diese 21-jährige Blondine wohnt, welche wir nun schon seit Wochen vergeblich auf einen Kaffee einladen wollen und die uns immer so gekonnt abserviert. Oder der alte Opa mit der goldenen Rolex, der da so unverschämt seine braungebrannte Kahlköpfigkeit zur Schau stellt und uns gutgelaunt was von Selfmade-Millionär schwadroniert. Wenn ich nur wüsste, wo der zuhause ist, wer weiss, ob die Rolex und etwas Kleingeld im Haus nicht auch mir guttun würden. So auf die Schnelle! Rein ins Haus, ein paar Sachen mitgehen lassen und ab die Post. Merkt eh keiner was!
Schau, die Kleine hat ein Bild von sich gepostet. Und schreibt ganz frech dazu: Hab ich gerade mit meinem Iphone in meinem Lieblingscafe nebenan gemacht. Sieht toll aus, oder? Ja, sieht wirklich gut aus, Du kleines Biest! Jetzt weiss ich wenigstens gleich, wo Du wohnst!
Aha, und der alte Knacker stellt uns wieder einmal seine neueste Errungenschaft vor. Was schreibt er da unter dem Foto? Hallo, Ihr armen Schlucker. Hier seht Ihr mich am neuen Swimmingpool liegen. Und übrigens, das Smartphone, welches ich meiner neue Flamme zum einwöchigen Jubiläum geschenkt habe, hat sage und schreibe 34 Brillianten. Aber jetzt bitte nicht weiter stören. Morgen muss ich zeitig aufstehen, weil wir wollen uns unsere Villa in Monaco anschauen.
Sehr gut! Flieg Du morgen schön nach Monaco und ich werde mal auskundschaften, wo Du alte Sau zuhause bist. Und morgen am Abend ist Deine Villa leer geräumt. Viel Spaß!
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte
Liebe LeserInnen, so oder zumindest so ähnlich könnte die Welt der virtuellen Stalker der Zukunft aussehen. Das Zauberwort heisst Geodaten bzw. Geotagging. Die Smartphones der neuesten Generation, aber auch Digitalkameras mit integriertem GPS-Modul, beherrschen diese Technik des Abspeicherns von Bildinformationen im sogenannten Exif-Format. Dabei werden bestimmte zusätzliche Bildinformationen wie Belichtungszeit, Aufnahmedatum oder Blendenwahl als Metadaten in diesen Bilddateien abgespeichert.
Nun gut, werden Sie sagen. Ist doch nicht schlecht, wenn ich ein gelungenes Foto habe und zukünftig weiss, welche Einstellungen ich wählen muss, damit mir solch eine Bildkomposition wieder gelingt. Alles richtig, was aber viele Anwender nicht bedenken, ist die Tatsache, dass neben diesen Elementarfunktionen auch der Standort der Aufnahme mit gespeichert wird.
Angenommen, Sie wollen das wertvolle Familiensilber im Internet verkaufen. Vorsichtig, wie Sie sind, geben Sie dabei weder Telefonnummer noch Adresse bekannt, um Kriminelle nicht anzulocken. Was Sie aber dabei nicht bedacht haben: Ihre Hightech-Digitalkamera macht neben wunderschönen Fotos auch zuverlässige Angaben über Ihren derzeitigen Standort, sprich den streng geheimen Aufenthaltsort des Schmucks. Und der wird praktischerweise mit dem Foto in Form dieser Exif-Daten gleich mitgeliefert.
Sie sagen: Wer bitteschön kann mit solchen stummen, nicht sprechenden Daten schon etwas anfangen? Also ich kann. Und ich bin weder Programmierer noch sonstiger überbelichteter EDV- oder IT-Experte, um im Jargon der Fotografie zu bleiben. Alles, was ich benötige, finde ich im Internet. Ein Firefox-Addon mit dem schönen Namen Exif-Viewer und das allseits bekannte und beliebte Google Earth oder gleich die Google Maps. Aber es geht noch einfacher. Man nehme ein kostenloses Programm, lasse sich die Koordinaten der Aufnahme auslesen und diese werden dann sogleich in die Landkarte übertragen und auf Wunsch mit der dazugehörigen Adresse präsentiert.
I Can Stalk U - Ich kann Dich stalken
Die US-Amerikaner Ben Jackson und Larry Pesce haben dieses gravierende Sicherheitsrisiko jetzt zum Anlass genommen, auf ihrer Webseite I Can Stalk U die auf Twitpic hochgeladenen Bilder und die dazugehörigen Verlinkungen mit Twitter-Posts zu untersuchen. Unter dem bezeichnenden Titel “What are people really saying in their tweets?” lesen sie dabei die Geodaten der veröffentlichten Bilder aus und lassen die Öffentlichkeit wissen, wo sich die Betreffenden gerade befinden. Doch was auf den ersten Blick als voyeuristisches Projekt mit Spaßfaktor aussieht, entpuppt sich als ernstgemeinter Ratschlag der Sicherheitsforscher, diese Funktion des Geotaggings auf dem Handy zu deaktivieren. Und vor allem sehen die Informatiker im wahrsten Sinne des Wortes diese zur Schau gestellten Bilder und Fotos nicht aus dem Blickwinkel des Ästhetischen und Künstlerischen, sondern unter dem gerne verschwiegenen Aspekt von Sicherheitslücken und krimineller Handlungen.
Ebenfalls besorgt äussert sich die stellvertretende Landesbeauftragte Marit Hansen vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein: “Die zunehmende Beliebtheit von Online-Diensten, die mit raumbezogenen Geodaten arbeiten, zeigt, dass vielen Nutzern gar nicht bewusst ist, welcher Gefahr sie sich durch die Veröffentlichung solcher Daten aussetzen.” Ebenfalls einen guten Ansatz sieht die Datenschützerin im Projekt von “I Can Stalk U”, wobei ihr die negativ behaftete Wortwahl “Stalking” besonders gut gefällt, denn ”auf diese Weise wird den Nutzern verdeutlicht, dass ihr unbedachtes Handeln im Web negative Konsequenzen haben kann.”
Es ist meines Erachtens keine Frage, dass durch die zunehmende rasende Verbreitung, Bereitstellung und Inanspruchnahme des Internets an jedem Ort und zu jeder Zeit die Anbieter solcher Internetdienste und Plattformen in die Pflicht genommen werden müssen, d.h. Aufklärungsarbeit über die Aufbereitung und Weiterverarbeitung der gewonnenen personenbezogenen Daten leisten müssen. Dasselbe gilt für die Hersteller und Vertreiber dieser mit Geotagging ausgestatteten Geräte. Aber ebenfalls darf auch der Verbraucher und Nutzer selbst nicht aus dieser Verantwortung genommen werden. Wir alle sollten, schon im eigenen Interesse der Wahrung unseres Privatbereiches, tunlichst darauf bedacht sein, unserem Drang nach dauernder Errreichbarkeit und allzu offenherziger Zurschaustellung unserer Intimsphäre endlich Einhalt gebieten. Wir beklagen tagtäglich die zunehmende und permanente Überwachung durch Staat, Arbeitgeber und eben jenes Medium Internet, doch letzten Endes sind es gerade wir selbst, die sich, unwissentlich oder bewusst, gedankenlos und fahrlässig jenen Institutionen freiwillig ans virtuelle Messer liefern.

