Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

29.8.2010

Werbung, mein täglicher Wegbegleiter

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 23:26


Oder: Was macht eine tote Sprache im Fernsehen?

Welche Irrungen und Wirrungen mich auf diesen Artikel brachten, ist schlichtweg schon wieder so kompliziert, dass es eigentlich relativ einfach ist. Ich möchte es Ihnen trotzdem erklären.

Ich saß, wie es nun einmal meinem Naturell des trägen Menschen, welcher tagtäglich mit 26 Buchstaben, Umlaute, Zweilaute und sonstigen menschlichen Laute seien hierbei der Einfachheit halber vernachlässigt, jongliert, hantiert, würfelt und um sich wirft, vor meinem Aussentor zur menschlichen Welt, dem Computer, salopp als “Blechtrottel” von der allerbesten Ehefrau der Welt, nämlich der meinigen, bezeichnet.

“Curiosity kills the cat” dachte ich mir gelangweilt und stürzte mich schamlos und immer auf der Suche nach Neuem und Abenteuer ins virtuelle Nachtleben. Auf dem Blog gedankennetz stieß ich auf eine ganz entzückende Idee und Projekt unter dem Titel “Bärenlohn für Eigenutz“. Liebe Szintilla, großartige Idee, gefällt mir sehr gut. Aber zurück zu meinen eigenen Irrungen und Wirrungen. Also wieder zurück zu Szintilla. Sie sehen, so ein Leben im Voyeurismus kann unglaublich stressig sein. Rechts unter “Aktuell” steht: “Jeder Kommentar, der mit einer kommerziellen Webseite verlinkt ist, wird von mir gelöscht. Ich unterstütze grundsätzlich keine kommerziellen Webseiten, denn ich bin ungern Sprachrohr für Produkte jeglicher Art.”

Werbung und diese unsäglichen Spamkommentare. Dachte ich und legte den Satz, eigentlich sind es derer zwei, doch wieder beiseite. Doch sie ließen mich einfach nicht los, rüttelten an meinem Gedanken-Ummantelungsapparat namens Gehirn, rissen an meiner Hirnrinde, bis es schmerzte, zerrten an meinen Nerven, nagten sich durch die schützende Isolierung der Gelassenheit, bis sie als kleine dünne blanke Ideen-Stahlseile vor mir lagen, ekelhaft schmatzend und wiederkäuend.

Kurzum, ich kapitulierte. Ließ also diesen Gedanken freien Lauf, freier Lauf in meiner freien Zeit, sozusagen, ganz unspektakulär, vollkommen unpreziös. “Was heißt eigentlich Werbung auf lateinisch?” führte ich meine Gedanken spazieren, also Gassigehen für Gedanken, Gedanken-Gassigehen mit denselben. Rittlings setzte ich mich auf dieses ungesattelte imaginäre nicht gedachte, bisher ungedachte Pferd, trat ihm mit aller mir zur Verfügung stehenden Gedankenkraft in die Flanken, in die Gedanken-Flanken und preschte in Windeseile, schneller als ein Gedanke, in die virtuelle Welt davon.

“Werbung auf lateinisch.” Google ist allwissend, Google ist allmächtig, Google ist anbetungswürdig. Hätte die Menschheit und allen voran Nietzsche (und natürlich ich im Gefolge) Gott nicht bereits getötet (Theodizee oder der Gute, der Böse und der Atheist) , hätte wahrscheinlich Google sogar Gott überholt. Oder besser noch: Gott wäre von Google ins Leben gerufen worden, Gott sozusagen als Stellvertreter von Google, ein Vize-Google mit Namen G.O.T.T., Abkürzung für Google On The Top. Doch auch für jenen Gott hätte ein unmissverständliches Gebot gegolten: Du sollst keinen Google neben mir haben! Aber da Sekundär-Google nun von Friedrich, mir und den vielen liebenswerten Kinderschändern im und auch ohne Priestergewand hingemeuchelt wurde, bleibt mir dementsprechend nur meine Hinwendung zu Google herself, himself and ourselves.

Wenn ich also in Zukunft durch die Welt, meine eigene Welt, dicht verknüpft mit der nach Google zweitmächtigsten Kraft unserer modernen Zeit, der Werbewelt, stolpere, dann nur noch mit einer toten, auf wundersame auferstandenen Sprache an meiner Seite. Lassen Sie uns gemeinsam solch einen typischen werbeinfizierten Tag beginnen, aber nicht mit den in aller Munde hinlänglich bekannten Produktnamen, sondern mit den damit verbundenen lateinischen Deutungen und Bedeutungen. Also begleiten Sie mich auf meinem täglichen Weg durch das Labyrinth meines Konsumwahns (am Ende des Artikels finden sie die dazugehörigen Bedeutungen zu den kursiven Wörtern). Der beschriebene Morgen spiegelt dabei allerdings nicht mein wirkliches Leben wider, aber in Anbetracht der heute vorherrschenden und gezeigten Werbespots verleitet er geradezu zu solch drastischem Beginn.

Ich stehe vor dem Spiegel. Doch bevor er bricht, kotze ich mir das Weisse aus den Augen. Schneeweiss blickt mir mein blutunlerlaufenes Spiegelbild entgegen. Ich ziehe in Erwägung, dem Rat des Apothekers zu folgen und mir eine jener wunderbaren schmerzstillenden Köstlichkeiten zu gönnen. Doch dann überlege ich es mir wieder anders und setze ein Zeichen. Der Geschmack brennt auf der Zunge, doch langsam lassen die Kopfgeburtswehen nach. Die Ausdünstungen liegen unheilvoll in der Luft, drängen sich mit Macht als Gestank-Potpourri in die entlegensten Winkel des kleinen Badezimmers und verbreiten ihre durchdringende schwere Duft-Wolke. Der Geruch frischer Wäsche legt sich sanft in meinen Nasenflügeln schlafen, erfüllt mich mit neuem Brechreiz. Ein weiteres Mal suche ich den Weg zur Toilette, knie vor der Keramiköffnung, welche mich mit gähnender Leere zu sich winkt und mich willkommen heisst, mich häuslich niederzulassen und den Palast der Exkremente liebevoll zu umarmen.

Wieder nehme ich einen neuen Anlauf, schleppe mich bleich und ausgelaugt zurück ins Badezimmer. Laut prahlend schluckt die Spülung die Reste meines Magens hinunter, erklärt sich glucksend rauschend großartig zum Sieger. Dieses Mal lasse ich mir Zeit, überstürze nichts. Und siehe da, die Schutzgötter des Staates und der Familie legen ihre fürsorglichen Hände über mein Haupt, zeigen meinen Gegnern ihre überirdischen scharfen Zähne und führen mich in ein Land aus Mich und Honig.

Ich schalte den Fernseher wieder ein. Liebevoll umfangen und umgarnen mich bunte laufende sprechende fröhliche nichtssagende bewegende Bilder. Endlich wieder ein langer entspannender spannender Werbeblock. Nur den Spielfilm dazwischen könnten sie in Zukunft streichen. Der stört gewaltig. Kaum beginnt der Film, muss ich schon wieder aufstehen und mir die Seele aus dem Leib kotzen. Und wieder stehe ich vor dem Spiegel. Ein neuer Tag beginnt. Ich glaube, ich bin werbeinfiziert.

  • Schneeweiss von niveas: Nivea Hautcreme
  • Erwägung von ratio (auch Verstand) und Apotheker von pharmacopola (ursprünglich Zaubertrankhändler): ratiopharm Schmerzmittel
  • Zeichen von signum: Signal Zahnpasta
  • Gestank von odor und Duft von oris: Odol Mundwasser
  • Sanft (lieblich, mild) von lenis: Lenor Weichspüler
  • Häuslich von domesticus und Palast von domus: Domestos WC-Reiniger
  • Groß, prahlend von magnus: Magnum Eis
  • Zeit von tempus: Tempo Taschentücher
  • Schutzgötter des Staates und der Familie von penates: Penaten Creme
  • Scharfe Zähne von dentatus: Dentagard Zahnpasta
  • Honig von mel und Bewegung von actio: Actimel Drink  

Nun, liebe LeserInnen, an diesem Punkt bin ich mit meinem Latein am Ende, sozusagen am toten Punkt angelangt. Doch bevor ich diesen Punkt, quasi meinen ganz persönlichen Rubikon überschritten habe, danke ich noch der Seite Werbung auf lateinisch für die inspirierenden und informativen Details.

In diesem Sinne grüsst Sie der virtuelle gottlose Reiter auf der Suche nach jener Katze, welche die Neugierde getötet hat. Oder hat womöglich Nietzsche nicht nur Gott getötet, sondern auch diese sieben Leben auf dem Gewissen? Ich weiss es nicht, also suche ich weiter!   

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