Jemmy Button, der wirkliche Jim Knopf
Wenn wir schon unsere Freizeit vor dem Fernseher verbringen, dann aber gleich richtig. Wir haben vor kurzer Zeit eines der letzten großen und wohl auch bestgehütetsten Geheimnisse der Fernsehgeschichte gelüftet, paradoxerweise war hierbei ein über alle verbrecherischen Zweifel erhabener und bis ins Knochenmark unbestechlicher amerikanischer Polizist der Mordkommission des Police Department Los Angeles Hauptfigur. Natürlich spreche ich von Inspektor Columbo, Sie wissen schon, Vorname Inspektor und Nachname Columbo. Oder hat Columbo womöglich doch einen Vornamen? Aber lesen Sie selbst, sofern Sie den Artikel über Columbo, den Mann ohne (Vor)Namen noch nicht kennen.
Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Ich kann mich an wenige Dinge meiner Kindheit erinnern, welche sich derart tief in mein Gedächtnis eingegraben haben wie die Augsburger Puppenkiste. Und irgendwie und sowieso, groß geschrieben als “Irgendwie und Sowieso” auch eine meiner Lieblingsserien mit dem jungen Ottfried in der Hauptrolle, der feschen Michaela May und Wepper, hatte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, das Bedürfnis, mich wieder einmal in die alten Zeiten meiner vergangenen und langsam verblassenden Jahre unbeschwerter Jahre zurückzukatapultieren.
Eigentlich surfte ich mehr als ich suchte. Ich ließ mich sozusagen auf den virtuellen Wellen der Internetmeere treiben, dachte dabei mit verklärtem Blick an all die Stars, fadenscheinige Puppen im wahrsten Sinne des Wortes. Der sprechende und manierliche Kater Mikesch, natürlich Urmel aus dem Eis und die Muminfamilie. Kommt ein Löwe geflogen mit dem bösen Mister Knister und seinem technischen Wunderwerk mit dem wunderbaren Namen Krozeppon, einem Konglomerat aus Krokodil, Zeppelin und Ballon. Und dann eben jener kleine Bursche Jim Knopf, treuer Weggefährte und bester Freund des gemütlichen Lokomotivführers Lukas. Was mussten die beiden liebenswerten Protagonisten, selbstverständlich immer mit Emma, der Lokomotive gemeinsam, für Abenteuer bestehen. Emma, jene Wunder-Dampflok, einmal Perpetumobil, dann wieder Schienenfahrzeug ohne Schienen, schwimmendes Dampfross und Flugobjekt, niemals gleichzeitig, aber alles ermöglichend. Und Lummerland, die Heimat der beiden Helden meiner Kindheit, der gemütliche Herrscher König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte.
Wissen Sie eigentlich, warum Jim Knopf dunkel war, und mit dunkel meine ich schwarz im Sinne von Schwarzer und dementsprechend Pendant zu Weisser. Irgendwie war auch die Sprache damals wesentlich einfacher, unkomplizierter, geradliniger. Darf ich nun Neger sagen oder gelte ich damit schon als ausländerfeindlich, ist Farbiger der richtige Ausdruck oder steht Afroamerikaner für das korrekte Synonym? Ich weiß es nicht, aber da ich die nicht-weissen Menschen als Menschen unter anderen Menschen und nichts anderes sehe, weder politisch noch wertend, spielt dies auch keine übergeordnete Rolle für meine heutige Geschichte. Mag möge mir diese Oberflächlichkeit verzeihen, aber Mensch bleibt Mensch, egal ob schwarz, weiss, rot, gelb, weiss oder grün, wie ich es bin. Der Waisenjunge Jim Knopf war, zumindest deutet alles darauf hin, ein in 33. Generation von Caspar, einem der Drei Heiligen Könige, abstammender Abkömmling war.
Was aber ist nun so besonders an Jim Knopf, jener von Michael Ende erfundenen Figur des kraushaarigen liebenswerten Jungen ohne Eltern? Die Antwort ist einfach, aber um so verblüffender: Jim Knopf alias Jemmy Button war ein Reisegefährte von Charles Darwin. Jene Phantasiegestalt Jim Knopf gab es wirklich, im wirklichen Leben hieß sie Jemmy Button und fuhr auf der H.M.S. Beagle mit dem berühmten Forschungsreisenden Charles Darwin nach Feuerland. Jim Knopf alias Jemmy Button, aber bleiben wir doch bei seinem menschlichen Namen Jemmy Button, wenngleich auch dieser nur ein weiteres Pseudonym ist, war ein nach England verschleppter Ureinwohner Feuerlands, welcher, zumindest besagt dies die Legende, für einen Perlmuttknopf von britischen Forschern gekauft wurde. Für einen Knopf, einen Button gekauft, um die damalige sogenannte Zivilisation der vermeintlich fortschrittlichen Kolonialmacht England kennenzulernen und diese Eindrücke später unter den Ureinwohnern Südamerikas weiterzuverbreiten. Der Historiker Nick Hazlewood spricht in seinem Buch “Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde” übrigens vom Eingeborenen-Jungen Orundellico. Erst der Tausch gegen den Perlmuttknopf lässt aus Orundellico Jemmy Knopf werden (siehe Sauseschritt: Die Geschichte Jemmy Buttons).
Ja, liebe LeserInnen, die Welt zu Anfang des 19. Jahrhunderts war einfach, überschaubar, eingeteilt in grenzenloses Weiss und limitiertes Schwarz. Ein Menschenleben für einen Knopf! Und heute? Ein Druck auf einen roten Knopf im Tausch gegen Millionen Menschenleben. Aber lassen wir das und wenden uns wieder unserem “… Liebling aller…” zu. “… sein Gesichtsausdruck zeigte sogleich sein freundliches Gemüt. Er war fröhlich, lachte oft und war bemerkenswert mitfühlend mit allen, die Schmerzen litten“. Zumindest zeugen die Aufzeichnungen von Charles Darwin in seinem ersten Buch “Die Fahrt der Beagle” davon, dass Jemmy Button von einnehmendem Wesen war.
Was Charles Darwin jedoch nicht beschreibt, ist der weitere Lebensweg der historischen Figur des Jemmy Button und seines Zeichens Vorbild für Michael Ende´s vermeintliches Kinderbuch “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer”. Im November 1859 wurden bei einem Massaker, verübt durch die Yahgan, jenem Eingeborenenstamm, welchem auch Jemmy Button angehörte, acht Missionare getötet. Jemmy Button wurde der Teilnahme an den Morden bezichtigt und verurteilt. Ab jetzt gehen die Meinungen auseinander, wobei sich insbesondere hinsichtlich seines Todes keine wirklichen Details finden. Einzig sein Sterbedatum des Jahres 1864
scheint einigermaßen verbürgt. In einem Zeitungsartikel in der The Patagonia Times über ein Theaterstück mit dem Titel “The story of Jemmy Button, the boy part of a civilization experiment” steht, dass seine Verurteilung durch ein Gericht auf den Malvinas-Islands (Falkland-Inseln) aufgehoben wurde, sein wirkliches Ende bleibt aber auch hier verborgen. Der chilenische Schriftsteller Benjamin Subercaseaux hat dies in seinem 1950 mit dem Literatur- und Wissenschaftspreis “Premio Atenea” gewürdigten Werk “Jemmy Button” ebenfalls nachgereicht. Auch der Artikel in Welt online: Knopf über Bord gibt einen knappen, aber guten Einblick, wie sich zwei vollkommen konträre Welten, gegensätzlich in ihrer Lebensweise und Lebensanschauung, unversöhnlich und unvereinbar gegenüberstanden.
Tom Maher, Santiago Times
Wenn wir Charles Darwin eines, bei all seinen wissenschaftlichen Entdeckungen und Leistungen, vorhalten und vorwerfen müssen, so ist es die einseitige und deshalb auch lange nachhallende negative Berichterstattung der gewonnen Eindrücke über die Ureinwohner Südamerikas. Lebten zu seiner Zeit noch an die 3000 Angehörige des Stammes der Yahgan, waren es im Jahr 1924 gerade noch 70. Und heute, keine 200 Jahre nach Darwin´s Feuerland-Reise? Die Yahgan sind in den Annalen der Menschheitsgeschichte verschwunden, leben einzig noch weiter in den Aufzeichnungen eines Charles Darwin. So schreibt er etwa beim ersten Zusammentreffen mit dem einheimischen Empfangskomitee:
“Es war ohne alle Ausnahme das merkwürdigste und interessanteste Schauspiel, das ich erblickte: Ich hätte kaum geglaubt, wie groß die Verschiedenheit zwischen wilden und zivilisierten Menschen sei: Sie ist größer als zwischen einem wilden und domestizierten Tier, insofern beim Menschen eine größere Veredelungsfähigkeit vorhanden ist. Ihr einziges Kleidungsstück besteht aus einem aus Guanacohaut gefertigten Mantel, mit den Haaren nach außen. Diesen tragen sie nur über ihre Schulter geworfen und lassen dadurch ihren Körper ebenso oft nackt, als bedeckt. Ihre Haut ist von einer schmutzig kupferigroten Farbe…. Sie ahmen ausgezeichnet nach: sooft wir husteten
oder gähnten oder irgendeine eigentümliche Bewegung machten, ahmten sie uns augenblicklich nach. Einer von unserer Gesellschaft fing an zu schielen und von der Seite zu sehen; aber einer der jungen Feuerländer (dessen ganzes Gesicht schwarz gemalt war mit Ausnahme eines weißen Streifens quer über seine Augen) übertraf ihn doch noch und machte noch widerwärtigere Grimassen…”. (”Verkümmerte, elende, unglückliche Geschöpfe” - Charles Darwin und die Feuerländer)
Was aber hat nun unser Jemmy Button mit dem Jim Knopf auf Lummerland gemeinsam? Welche Intentionen wollte Michael Ende mit seiner Geschichte des schwarzen Waisenjungen Jim Knopf ausdrücken, welcher sich gegen Frau Mahlzahn oder die Wilde 13 behaupten musste?
Bildquelle: Augsburger Puppenkiste
Und vor allem das Wichtigste: Wie gelingt der Brückenschlag zwischen einem Kinderbuch und dem Nationalsozialismus, welcher sich den Darwinismus und die Evloutionstheorie als Glaubenslehre für seinen Rassenwahn und die Reinheit der Rassen auserkoren hatte? Dazu möchte ich nun das Wort an Julia Voss übergeben, welcher mit ihrem Artikel “Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie” in der FAZ ein wirklich bemerkens- und deshalb lesenswerter Beitrag und eine Neuinterpretation der in vielen Augen reinen Kindergeschichte über Jim Knopf gelungen ist.

