Paul, die Krake: Zum Siegen verdammt!
Der Erfolgsdruck eines unbeteiligten Oktopus namens Paul
Ich bin ja immer auf der Suche nach lohnenden und lohnenswerten Objekten. Denn wie viele meiner treuen LeserInnen bereits wissen, bin ich sozusagen der Kraken-Paul der Hochfinanz. Denken Sie nur an meinen legendären Artikel Geld tanken an Benzinbanken oder an die zum heutigen Thema zugegebenermaßen völlig unpassende Veröffentlichung Wer Zeit hat, möge mir etwas davon abgeben. Überall dort, wo Zeit und Geld in einem kausalen Zusammenhang stehen, schwimmt schon Kraken-Paul um den heissen Geld-Brei. Und der wird bekanntlich im Moment in Südafrika bei der gerade stattfindenden Fussball-Weltmeisterschaft angerührt.
Ich hoffe, Ihnen sagt Paul, die Krake etwas? Es handelt sich um diesen possierlichen Oktopus, welcher scheinbar schon seit Jahren, möglicherweise auch schon seit Jahrzehnten oder vielleicht auch seit der ersten Fussball-Weltmeisterschaft immer den Sieger von Fussballspielen mit deutscher Beteiligung voraussagt. Und man höre und staune: Erst ein einziges Mal hat sich Paul, die Krake, bisher geirrt. Sonst immer richtig getippt, immer den richtigen Futternapf mit der entsprechenden Landesflagge angeschwommen, immer vom Futter des Gewinners genascht. Bis auf dieses eine Mal eben. War auch ein Fussballspiel zwischen Deutschland und Spanien, 2008 Spanien gegen Deutschland bei der EM in unserem schönen Land, gemeinsam mit der Schweiz haben wir damals diesen ganzen Zirkus veranstaltet. Und was macht dieser Paul bitteschön? Setzt sich doch tatsächlich auf den deutschen Futternapf. Macht es sich gemütlich auf Schwarz-Rot-Gold und lässt Rot-Gelb-Rot einfach links liegen.
Mit all seinen acht oktopussierlichen Armen greift er nach ganz Deutschland, umarmt sozusagen als Orakel des runden Leders die fussballverrückte Welt und gibt der Hoffnung nach Geld, Reichtum, Ehre, Ruhm und einem grundlosen weiteren Vollrausch eine vollkommen ungerechtfertigte Nahrung. Nährt die Hoffnungen unseres grossen Nachbarn und frisst sich durch das Futter der zukünftigen Verlierer. Und die Spanier? Sitzen vollkommen unbeteiligt im Wasserbassin, schauen dem tierischen Irrläufer seelenruhig zu, plätschern mit ihren Hörnern im lauwarmen Wasser und entscheiden das Match dann zu ihren Gunsten.
So war das damals, 2008, als Paul, die Krake sich ein einziges Mal in seinem Kraken-Leben irrte. Und gestern, zwei Jahre später, am 07.07.2010? Wieder heißt die Begegnung Deutschland gegen Spanien. Wieder ein Halbfinale in einem wichtigen Turnier, dieses Mal die Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Und was macht Paul, die Krake? Hat sich noch kein einziges Mal bei dieser Fussball-WM geirrt, lag immer goldrichtig, griff nie daneben. Hat sogar den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen England prophezeit. Und das als englische Krake. Ja, Paul, die Krake ist eigentlich waschechter Engländer. Aber keine Spur von Nationalstolz oder Patriotismus. Paul tut das, was getan werden muss. Und wenn es sogar gegen die eigene Mannschaft geht.
Paul ist unbestechlich, Paul frisst nur Gewinner, Verlierer kommen ihm nicht auf den Tisch. Wenn schon satt werden, dann mit Anstand. Und ausserdem lebt es sich auf der Seite der Sieger wesentlich angenehmer als im Schatten der Verlierer.Und dann dieses! Deutschland gegen Spanien. Es geht um den so wichtigen Einzug ins Finale der Fussball-WM 2010. Und wieder wird Paul, die Krake, auf die fussballverrückte Menschheit losgelassen. Schwimmendes Orakel, achtarmiger Delphi-Nachfolger, lernbegieriger Prophet, geschickt von den Fussball-Göttern, erbarmungslos in den südlichsten Zipfel des afrikanischen Kontinents getreten. Und Paul greift nach den Fussballsternen. Deutschland siegt gegen Spanien, dank Paul, der Krake kann es nur einen Sieger geben und der muss - Spanien heißen. Zumindest wenn es nach Paul geht. Denn der läßt sich nicht auf dem Futter mit der schwarz-rot-goldenen Fahne nieder. Und Deutschland? Jubelt trotzdem. Einmal hat sich doch Paul doch schon geirrt, also muß er heute wieder falsch liegen. Ergo bedeutet dies: Wenn Paul falsch liegt, hatte er trotzdem alles richtig gemacht. Der Fussball-Glücksgott Paul hat wieder zugeschlagen, hat die Glücksgöttin Fortuna in ihre fussballerischen Schranken verwiesen.
Nun, was dann kam, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Trotz oder gerade wegen des fehlbaren unfehlbaren Pauls siegte Spanien. 1:0 gewannen die Iberer gegen die Teutonen. Paul wurde vernichtend geschlagen, vom Stier sozusagen gnadenlos auf die Hörner genommen. Jetzt hat Paul, die Krake, sich bereits zum zweiten Mal geirrt, obwohl er doch recht behalten hat. Und das immer bei wichtigen Spielen. Und wieder gegen Spanien. In mir keimt schön langsam ein furchtbarer Verdacht auf. Und das als Österreicher, der eigentlich beim Thema Fussball nicht einmal mitreden dürfte. Ich glaube, Paul ist ganz einfach bestechlich. Paul lebt zwar in Deutschland, hat die englische Staatsbürgerschaft, aber in Wirklichkeit ist Paul, die Krake, ein verkappter Spanier. Paul ist kein Cocker Spaniel, aber mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Kraken Spanier. Paul, die Krake, segelt unter falscher Flagge. Bei Paul handelt es sich um ein iberisches U-Boot, welches mit dem aufgemalten Union Jack in deutschen Gewässern Jagd auf brasilianische, argentinische und sonstige Torpedoboote macht.
Und deshalb plädiere ich als Österreicher dafür, dass unser Land beim nächsten Fussball-Großereignis mitspielen darf. Und wenn wir die Qualifikation nicht schaffen, was wir natürlich nicht tun werden, dann werden wir England, Spanien und natürlich Deutschland den Krieg erklären, werden Paul, die Krake kidnappen und dann werden wir schon sehen, wer die nächsten Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und was weiss ich noch für Meisterschaften dominieren wird. Dann ist Schluß mit Fussballspielen. Dann setzen wir Paul vor die Wahl: Ein Futtertopf links mit der rot-weiß-roten Flagge und ein kleines Schälchen rechts, prall gefüllt mit Leckereien und ebenfalls mit der rot-weiß-roten Fahne oben drauf. Und wehe, Paul setzt sich zwischen die Futtertöpfe. Dann verkaufen wir unser Paulchen, ja UNSER Paulchen, an den Meistbietenden.
Moment, jetzt haben wir ein kleines Problem. Wenn ich richtig zurückrechne, hat Paul mit seinem Kraken-Orakel-Dasein oder kurz gesagt seiner Krakelei bereits im Jahre 2008 begonnen. Das heißt also vor zwei Jahren. Und die durchschnittliche Lebenserwartung solch eines Kraken-Kapazunders liegt bei etwa drei Jahren. Dies würde ja bedeuten, dass Paul, die Krake, die nächste Fussball-Weltmeisterschaft gar nicht mehr oraklen kann. Ja, nicht einmal für die nächste Fussball-Europameisterschaft reichen seine Oktopus-Weitsichtigkeiten!
Dann müssen wir doch zu Plan B greifen. Der lautet: Österreich lernt Fussball spielen! Aber ich sage Ihnen jetzt etwas, ganz im Vertrauen. Eher wird Paul, die Krake, 150 Jahre alt, ehe dieses passieren wird. Und wenn Paul so alt wird, dann hat sich sowieso die ganze Fussball-Expertenwelt geirrt, nicht nur Paul. Denn dann haben wir es nicht mit einer Krake zu tun, sondern mit einer Galapagos-Riesenschildkröte. Und gesetzt den Fall, Paul ist ein Männchen, dann wiegt er um die 400 Kilogramm.
Also, ganz ehrlich, liebe LeserInnen, wollen Sie sich von einer vom Aussterben bedrohten und ohne Zukunftsperspektiven dahinkriechenden dahinvegetierenden übergewichtigen Spezies die Fussball-Zukunft vorhersagen lassen? Ich nicht!
Übrigens, wer Fussball-Weltmeister wird, stand bereits lange vor Beginn dieser sogenannten Spiele fest. Aber verraten darf ich es Ihnen leider nicht. Ich habe es Paul, der Krake, versprechen müssen. Und zum Dank dafür schiebt er mir immer klammheimlich, sobald alle Scheinwerfer erloschen sind, den Futtertopf der Verlierer rüber. Und dieser Inhalt schmeckt mindestens genauso gut. Auch wenn ab und zu der bittere Nachgeschmack des Verlierens in einer Welt voller eitler Sieger und zum Gewinnen Verdammter störend ist.
Und für alle, welche nun bis zum bitteren Ende durchgehalten haben, gibt es vom Satiremagazin Titanic das WM-Orakel, so wie es (fast) wirklich war. Viel Vergnügen wünscht Ihnen Paul, das zweiarmige, zweibeinige, zweiäugige und vor allem zwiespältige Anti-Fussball-Orakel.

