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26.6.2010

6. Teil: Homo cyberspace - die Gefahr Internet

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 23:47


Was war nun schlussendlich Sinn dieses Experiments?

Es sollte die These überprüft werden, ob sich bei entsprechendem Einsatz von für den “normalen” Internet-User zugänglichen, finanzierbaren und vor allem legalen Mitteln selbst definierte Halbwahrheiten, in meinem Fall kann man sogar von einer Lüge sprechen, welche auf den ersten Blick als durchaus im Bereich des Möglichen und damit als glaubhaft angesehen werden, so verbreiten lassen, daß sie jene Eigendynamik entwickeln, welche notwendigerweise für die Verbreitung eines Gerüchtes Voraussetzung ist.

1873 schrieb Friedrich Nietzsche in seinem Werk Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (siehe z.B. Projekt Gutenberg): “Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen, und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt.”

Der Mensch verbietet es sich geradezu, einen Blick auf die Wahrheit werfen zu wollen. Im Bewußtsein, zu wissen, daß eben dieser Blick des Wissen-wollens zu der Erkenntnis führen wird, die eigene Existenz damit nicht nur in Frage zu stellen, sondern vielmehr führt dieser Blick durch das Schlüsselloch des Bewußtseinszimmers, wie Nietzsche diesen Bereich aus Illusionen und Täuschungen nannte, dazu, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen und letzten Endes die eigene Daseinsberechtigung zu verlieren. Im Unterschied zu meinem verbreiteten Gerücht, welches sich als bewußt intendierte Lüge herausstellte, einzig und allein darauf ausgerichtet, willentlich und wissentlich andere Individuen zu täuschen, sieht Nietzsche die Lüge als Lebensnotwendigkeit. Da nach Meinung von Nietzsche der Mensch nicht stark genug ist, aus eben diesem Bewußtseinszimmer auszubrechen, ein Verlassen dieses metaphorischen Raumes aus Fiktion und Lüge würde unweigerlich den Menschen bei der Bewältigung seines Daseins scheitern lassen, ist die von Nietzsche definierte Lüge ein notwendiges Konstrukt des Überlebens. Aus eben diesem Grunde wurden jene kollektiven Lügen entworfen, nennen wir sie Kulturlügen, denn nur anhand dieser geschönten und beschönigenden Glaubenssätze und Prämissen ist es dem Menschen möglich, effektive Überlebensstrategien zu entwickeln, welche den Fortbestand der Spezies Mensch auf Dauer sichern.

“Der Mensch benötigt die Wahrheit nicht um der Erkenntnis willen, sondern aus sozialen Motiven. Die “Wahrheit” ist ein anderes Wort für die Notwendigkeit, daß sich Menschen auf etwas einigen müssen, wollen sie halbwegs friedlich zusammenleben. Der Trieb zur Wahrheit ist in Wahrheit der Trieb zum Überleben.” Konrad Paul Liessmann (siehe Der Wille zum Schein. Über Wahrheit und Lüge Eröffnungsvortrag des 8. Philosophicum Lech am 16. September 2004 in Lech/Arlberg Seite 3) interpretiert diese Antwort von Nietzsche auf die Frage “Woher bei dieser Lust an der Illusion ein Trieb zur Wahrheit?” dahingehend, daß der Mensch die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen benötigt, also Wahrheit als Triebfeder, um Erkenntnis zu erlangen, sondern die Wahrheit beruht auf getroffenen Konventionen, welche sich dann einstellen, wenn der von Thomas Hobbes bezeichnete Urzustand des permanenten Krieges alle gegen alle beendet ist. Diese friedliche Koexistenz der Menschen untereinander und miteinander kann sich erst dann einstellen, wenn diese Sozietät aufgrund fundamentaler Konventionen untermauert ist. Der Lügner ist dabei derjenige, welcher gegen diese grundsätzliche Vereinbarungen der Bedeutung von Worten verstößt. Oder anders ausgedrückt: Nicht die Wahrheit um des Friedens willen ist von eminenter Bedeutung, sondern erst die Lüge verhilft den Menschen zu ihrem Anrecht auf friedliches Miteinander. Wer unausgesprochene Wahrheiten publik macht, welche kontraproduktiv diesen notwendigen gesellschaftlichen Lügen gegenüberstehen, wird als Lügner entlarvt und leider auch geächtet. Das Paradoxon besteht darin, daß der Wahrheit Sprechende und nach Wahrhaftigkeit Suchende als Lügner abgestempelt wird und sich dementsprechend außerhalb der gesellschaftlichen Normen befindet, wohingegen sich dieses Geflecht aus Lügen zu einer allgemeingültigen und von jedermann sanktionierten Wahrheit umfunktionieren lässt (weiterführend dazu Konrad Paul Liessmann Philosophie des verbotenen Wissens Friedrich Nietzsche und die schwarzen Seiten des Denkens 2000 Paul Zsolnay Verlag, Wien Genehmigte Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG, Hamburg, 2009 Kapitel B. Nietzsches Wille zur Unwissenheit S. 120 ff.)

Die Lüge, das Gerücht, untrennbare Metapher für Wahrheit und Wahrhaftigkeit? Eigentlich nichts Neues und schon gar nicht erst in Zeiten des Internets ein immer wieder aufkommendes Problem. Politischer, sozialer und gesellschaftlicher Missbrauch durch den bewußten Einsatz von Lügen, Denunzierung von Menschen durch das geschickte Einstreuen und Platzieren von Gerüchten, unser täglicher Umgang mit den verschiedensten Formen der Werbeversprechen und riesigen Wahlpropaganda-Maschinen, und als wohl bekanntestes, gravierendstes und grausamstes Beispiel die Ausschwitz-Lüge, der Mensch trifft jeden Tag Entscheidungen, welche auf der Grundlage von externen, nicht zu überprüfenden Informationen gefällt werden. Wenngleich der von mir als Homo cyberspace so bezeichnete Mensch mit dieser Problematik der Massenkommunikation durch das weltumspannende Internet, welche eine Unterscheidung von richtig oder falsch, von wahr oder gelogen, nur noch mittels eigener, oftmals langwieriger und zeitraubender Recherchen und Nachforschungen erschwert, befasste sich bereits die Antike mit diesem Phänomen des an die Wahrheit angelehnten und doch von der Wahrheit so weit entfernten und entrückten Mittel des Gerüchtes.

So streue ich nun kein Gerücht, wenn ich für heute schließe und Sie noch auf den siebten und letzten Teil: Das Gerücht bei Vergil aufmerksam mache, welches in einem kurzen Rückblick zeigt, dass sich bereits die Menschen weit vor Erfindung des Internets der Gefahren, aber auch der Zweckmäßigkeit und Bedeutsamkeit eines gut lancierten Gerüchtes bewusst waren und dies auch entsprechend zu nutzen wussten.

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