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1.6.2010

Auszeit Epilog

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 02:23

Epilog zur Kurztrilogie “Auszeit”. Wir erinnern uns, daß die Geschichte damit begann, daß O. und W. den selben Gedanken zur selben Zeit hatten (siehe Auszeit 1.Teil: Der Gedanke), daß aus diesem Gedanken jener verhängnisvolle Plan (siehe Auszeit 2. Teil: Der Plan) erwuchs, welcher letztendlich zum großen Sterben führte (siehe Auszeit 3. Teil: Das große Sterben). 

Es herrschte gespanntes Schweigen, als am nächsten Morgen der Polizeipräsident persönlich um 8:07 Uhr die eilig einberufene Pressekonferenz eröffnete. Sessel scharrten auf dem abgewetzten Steinboden, als sich die Reporter und Fotografen zurechtsetzten, um den kleingewachsenen Mann mit den dunkelbraunen Augen, welche müde in die Runde blickten, erwartungsvoll anzublicken. Es geschah selten, daß zu solch früher Stunde der ranghöchste Exekutivbeamte das Wort ergriff. Meist saßen sie einem steifen Beamten gegenüber, welche ihren Text freudlos und ohne das geringste Interesse vom Blatt ablasen, ohne auch nur ein einziges Mal Luft zu holen. Doch heute musste sich um ein Ereignis von immenser Wichtigkeit handeln, denn es waren viele Pressevertreter ausländischer renommierter und angesehener Blätter anwesend. Das Blitzlichtgewitter legte sich langsam, nur noch vereinzelt schossen einige Fotografen ihre Bilderserien, als der ranghöchste Polizist des Landes nach einem kurzen Klopfen auf das Mikrofon begann:

“Wie Sie alle wissen, wurden gestern Abend bei einem Banküberfall zwei Bankräuber sowie drei Unbeteiligte, welche von den beiden Bankräubern als Geiseln genommen wurden, erschossen. Obwohl wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versuchten, die Lage unblutig unter Kontrolle zu bringen, gelang es nicht, die Täter zur Aufgabe zu bewegen. Eine Deeskalation der Situation war nach Standpunkt der jetzigen Ermittlungen nicht möglich. Hätten wir nicht sofort eingegriffen, hätte die Gefährdung weiterer unschuldiger Personen nicht ausgeschlossen werden können. Ich möchte jedoch in diesem Punkt den laufenden Ermittlungen noch nicht vorgreifen, da wir den genauen Tathergang in allen Einzelheiten zu rekonstruieren versuchen. Aufgrund der uns vorliegenden Erkenntnisse müssen wir allerdings davon ausgehen, daß es sich bei den beiden Tätern um zwei hochrangige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens handelt, weshalb wir gezwungen sind, sowohl Interpol als auch verschiedene Geheimdienste in unsere weiteren Ermittlungen einzubeziehen. Es kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, daß die von den beiden Tätern als Geiseln genommenen und im Zuge des Feuergefechts erschossenen Bankkunden ebenso hochrangige Personen des öffentlichen Lebens sind. Aufgrund dieser Tatsachen, welche aber noch weiterer und vor allem weitreichender Erhebungen bedürfen, sind unser Herr Bundeskanzler und die sehr verehrte Außenministerin in beiderseitigem Einvernehmen zum Entschluß gekommen, dem geplanten Weltwirtschaftsgipfel fernzubleiben, um etwaigen Unruhen und Irritationen, welche nun infolge dieser höchst prekären Lage entstehen könnten, durch ihre Anwesenheit in unserem Land vorzubeugen. Auch darf ich Ihnen mitteilen, daß sich seit 2:00 Uhr Ortszeit unser Land im Ausnahmezustand befindet und sämtliche zur Verfügung stehenden militärischen Kräfte in Alarmbereitschaft versetzt wurden. Dies gilt in erster Linie für unsere Bodentruppen, welche jedoch in diesen Minuten von der Luftwaffe und Teilen der Marine unterstützt werden. Ebenfalls wurde von der Bundesregierung ein Ausgangsverbot verhängt, welches sich von 20:00 Uhr bis 6:00 Uhr erstreckt und für sämtliche Teile der Bevölkerung uneingeschränkte Gültigkeit hat und bis auf Widerruf verhängt wurde. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur die für die Aufrechterhaltung der Sicherheit unseres Landes bestimmten Personen und Organisationen, welche ich Ihnen noch im einzelnen verlesen werde.”

Die Unruhe unter den Journalisten und Reportern nahm zu, erstaunte leise Rufe waren zu vernehmen, Getuschel machte sich im Saal breit, als der Polizeipräsident nach dem neben sich stehenden Wasserglas griff und einen tiefen Schluck machte. Doch bevor das immer lauter werdende Gemurmel Überhand nahm, klopte er bereits wieder auf das Mikrofon, um die Anwesenden zur Ruhe zu mahnen.

“Ich bitte Sie, meine Damen und Herren! Bitte Ruhe, ich bitte um Ruhe!” Es verstrichen einige Sekunden. Mit beschwichtigenden Gesten seiner viel zu großen Hände versuchte der Polizist, die Aufmerksamkeit der Zuhörer wieder auf sich zu lenken. “Ich darf Ihnen versichern, daß wir sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen werden, um diese schwere Krise, welche jedoch nicht nur unser eigenes Land, sondern viele Staaten dieser Erde betrifft, unter Kontrolle zu bringen und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auch in kürzester Zeit bewältigen werden. Alleine die Tatsache, daß der amerikanische Präsident und sämtliche am G7-Gipfel teilnehmenden Staaten uns ihre Hilfe zugesichert haben und bereits im Laufe dieses Vormittags hier eintreffen werden, zeigt Ihnen, daß wir alle in dieser Schicksalsstunde nicht alleine gelassen werden. Auch darf ich Ihnen hiermit mitteilen, daß sich sämtliche NATO-Staaten zur Zusammenarbeit mit unseren Militärkräften bereit erklärt haben und im Laufe der nächsten Woche bereits die ersten Flugzeugträger vor unserer Küste stationiert werden. Wie mir unsere Frau Verteidigungsministerin in einem kurzen Telefonat mitteilte, sind alle unsere Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprenkköpfen bestückt und bereits in Stellung gebracht worden und vier Jagdgeschwader unserer benachbarten verbündeten Länder kontrollieren ständig unseren Luftraum. Ich möchte Sie deshalb um eines bitten! Bewahren Sie Ruhe und versuchen Sie durch eine sachliche, vernünftige und vor allem neutrale Berichterstattung, die Ängste der Bevölkerung ihrer Länder und vor allem die großen Sorgen der Kinder und der arbeitenden Bevölkerung nicht unnötig zu schüren. Ich danke Ihnen.”

Halbherzig versuchte die auf dem Podium sitzende Kommission aufzustehen, als auch schon die ersten Fragen aus dem abgedunkelten Raum laut wurden. “Wir wollen Namen wissen. Um wen handelt es sich bei dem beiden erschossenen Tätern?” Ein junger Mann war aufgestanden, den Schreibblock in der rechten Hand und mit dem Kugelschreiber in der Linken erwartungsvoll und aufgeregt auf den Stenoblock klopfend. Ein anderer stand ebenfalls auf und schrie: “Ja, Namen! Und wer sind die Geiseln, die von den beiden erschossen wurden?” Beifälliges Murmeln und Nicken begleitete die Forderungen der Stehenden, während andere dem Beispiel der beiden folgten und sich ebenfalls von ihren Sesseln erhoben.

Seufzend nahm der Polizeipräsident wieder Platz, beriet sich kurz mit dem neben ihm Sitzenden, in dem er mit vorgehaltener Hand wenige Worte flüsterte und nach einer kurzen Antwort seines Gesprächspartners fuhr er dann fort. “Nach dem Stand der derzeitigen Ermittlungen kann ich Ihnen nur folgendes sagen. Aufgrund der Dokumente, welche wir bei den erschossenen Geiseln gefunden haben, handelt es sich um drei ausländische Geschäftsmänner. Herkunft dürfte wahrscheinlich das Morgenland sein, wobei dies im Moment jedoch nur Spekulationen sind. Die Reisepässe lassen im Moment nur die Vermutung zu, daß es sich um drei Herren namens Caspar, Melchior und Balthasar handelt. Mehr wissen wir aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.”

“Und die Namen der Täter?”, eine junge Frau mit modischem Kurzhaarschnitt und einem atemberaubenden enganliegenden Kostüm zog die Blicke der Anwesenden auf sich. Sie war so energisch aufgestanden, daß ihr Sessel für einige Augenblicke auf den hinteren Beinen vor und zurück wippte, um dann langsam nach hinten zu kippen und auf den Kniescheiben des hinter ihr Sitzenden landete. Ohne den Fluch des Getroffenen weiter zu beachten, stellte sie die nächste Frage: “Um wen handelt es sich bei den beiden erschossenen Bankräubern?”

Wieder nahm der Polizeipräsident einen tiefen Schluck aus seinem Wasserglas, bevor er mit schnellem Blick in die Runde schaute und einen Bleistift zwischen seinen dicken Fingern drehte. Dann lockerte er seine Krawatte, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, welche nur noch spärlich mit einzelnen Strähnen dünner grauer Haare bedeckt war. Seine Stimme zitterte unmerklich, als er sich räuspernd über das Mikrofon beugte und leise weitersprach.

“Nun, wie ich Ihnen bereits sagte, wir können zum jetzigen Zeitpunkt unserer Ermittlungen noch keine genauen Details bekanntgeben. Aber wie es im Moment aussieht, handelt es sich bei den beiden Tätern um einen Drogensüchtigen und einen Alkoholiker, zumindest lassen erste Ergebnisse der Pathologie darauf schließen. Aber weitere Ergebnisse liegen mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor.”

“Bevor wir nicht die Namen der beiden wissen, gehen wir hier nicht raus!” Ein großer, bereits in die Jahr gekommener Mann hatte sich schwerfällig erhoben, sah dem Polizeipräsidenten entschlossen in die Augen und verschränkte zum Zeichen der Ernsthaftigkeit seiner Forderung die Arme vor seiner Brust. Beifälliges Murmeln begleitete ihn. Mit einem Seufzen beugte sich der Präsident nach links, um sich eingehend und flüsternd mit einem bisher schweigenden Mann um die 40 zu beraten. Unbewegt saß der Unbekannte da, hörte sich die hastig vorgebrachten Argumente des Sprechers an, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Als der Präsident fertig war, stand der Mann langsam von seinem Sessel auf, die Muskeln seines drahtigen durchtrainierten Körpers spannten sich deutlich unter dem hellgrauen maßgeschneiderten Anzug. Sein kantiges Kinn unter dem schmalen Mund war makellos glatt rasiert. Er erinnerte unweigerlich an jene Detektivgestalten von Raymond Chandler, als er ruhig und gelassen vor den nach Informationen hechelnden Frauen und Männern stand. Mit ruhigen Augen blickte er jedem der anwesenden Journalisten in die Augen, eine Ewigkeit an Augenblicken, während sich unheimliche Stille breit machte. Seine steinernen Züge verrieten keinerlei Regung, als er mit ruhiger Stimme, ohne Zuhilfenahme des Mikrofons, sagte:

“Bei den beiden erschossenen Bankräubern handelt es sich aller Voraussicht nach um den O.sterhasen und den W.eihnachtsmann! Ich darf Ihnen deshalb mitteilen, daß bis auf weiteres sämtliche Weihnachts- und Osterfeste ausfallen. Ebenfalls möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, daß neben diesen ersatzlos gestrichenen Feiertagen auch der gesetzliche Feiertag der Heiligen Drei Könige entfällt, bis entsprechende Lösungen gefunden werden.”

Um 9:28 Uhr flogen die ersten Steine. Vermummte kleine Gestalten zogen mit Maschinengewehren und Raketenwerfern bewaffnet durch die Strassen, schossen auf alles, was größer als 1,55 Meter war. Vagabundierend und mordend ließen sie ihrer Wut freien Lauf, MG-Salven ratterten todbringend, zerfetzten die in panischer Angst Davonstürmenden. Erste Panzer rollten achtlos über die Leichenberge, zerdrückten mit ihren schweren Ketten die Schädel, zermalmten Knochen und trennten ausgestreckte Gliedmaßen von den leblosen Körpern ab. Erste grelle Blitze detonierten in den Randbezirken, füllten die Luft mit ihren atomaren Ladungen und fegten wie Feuerstürme über das Land. Der Krieg der Kinder gegen die Erwachsenen hatte endlich begonnen. Man schrieb den 24. Dezember.  

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