Wer Zeit hat…
…möge mir etwas davon abgeben!
Ja, liebe LeserInnen, weit ist es mit mir gekommen! Ich bin jetzt endgültig ganz unten angelangt, sozusagen am Boden eines bodenlosen Fasses, wobei ich gestehe, daß ich mit Erreichen dieses Bodens jenes bodenlose Fass geradezu zum Überlaufen gebracht habe. Und was nun? Ich unten, Sie oben! Sie schauen, ich schaue zurück! Sie grinsen, mir vergeht das Lachen! Ich befinde mich nämlich in einem großen Dilemma. Denn die Zeit rinnt mir davon, rinnt eigentlich schon durch die Finger, obwohl überhaupt keine Zeit mehr da ist, welche rinnen könnte.
Also stelle ich höflichst folgende Frage an Sie: “Wer hat Zeit?” Ich könnte etwas Ihrer wertvollen Zeit brauchen, habe sie eigentlich schon so notwendig wie den berühmten Bissen Brot, wobei ich sagen muß, daß mir aufgrund meines fortgeschrittenen Alters ein kleiner Happen Zeit wesentlich lieber wäre und folglich auch besser zu Gesicht stünde. Wobei, bei näherer Betrachtung, also ganz ehrlich gesagt, wenn ich mein Gesicht genauer betrachte, müsste schon ein großzügiger Zeit-Spender daherkommen mit einer ordentlichen Portion Zeit, damit vielleicht zu retten ist, was die Zukunft, also meine verbleibende Zeit, schon gar nicht mehr retten kann.
Es ist nämlich folgendes Problem aufgetreten, mittlerweile schon zeitlich unbegrenzt, vom dazugehörigen Raum möchte ich aufgrund meines Zeitmangels erst gar nicht schwadronieren, da mir einfach die Zeit dazu fehlt. Also, letzte Weihnachten, manch eine(r) wird diesen Zeitraum jetzt unweigerlich mit der besinnlichen Zeit in Verbindung bringen, nun ja, jede(r) wie er glaubt. Aber lassen wir das, nehmen wir doch einfach dieses Zeitfenster so um den 24., 25. und von mir aus auch noch 26.12., Ostern würde ebenfalls zeitlich passen, aber es war nun einmal Weihnachten und so bleiben wir dabei. Also justamente um den 24. Dezember herum begab es sich, daß ich in Ermangelung anderer Wünsche, welche ich im Kreise meiner Familie zu äußern hatte, phantasielos und nichts Böses ahnend leichtfertig von mir gab, man möge mir doch den simplen Wunsch erfüllen und mir nur etwas Zeit schenken. Manch eine(r) wird dies nun mit einer gehörigen Portion Auszeit assoziieren, doch seien Sie vor solch vorschnellen Überlegungen gewarnt, denn solch ein beseelter frommer Wunsch kann förmlich in die Katastrophe führen. Ich selbst kenne zwei Herren, die können davon ein (Weihnachts)-Lied singen, was sage ich, eine ganze Weihnachts-Litanei mit anschließender Oster-Lithurgie (siehe dazu Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke) und Auszeit…(2.Teil: Der Plan)), doch aufgrund unglücklicher Umstände lassen sich gewisse Ereignisse nicht mehr rückgängig machen, übrigens eines der übelsten Phänomene vergangener Zeit. Aber dies bemerken wir meist erst dann, wenn die Zukunft uns sagt, daß die Gegenwart schon wieder Vergangenheit ist. Oder so ähnlich eben.
Weihnachten kommt also still und leise daher, taumelt und torkelt aus dem unübersichtlichen Hades von Einkaufsstrassen, Konsumtempeln und Shopping-Megacities in mein ruhiges und übersichtliches Leben, breitet seine “Stille Nacht, heilige Nacht”-Flügeln über mich, betört mich mit betörender Glühweinfahne und schenkt mir, Sie werden es nicht für möglich halten, Zeit! Sie lesen richtig! Nikolausi, Weihnachtsmanni, Christkindl, Santa Clausi und all die anderen heiligen 333 Könige samt den dazugehörigen Schnapsfahnen haben sich verschwörerisch dazu entschieden, mich reichlich mit Zeit zu beschenken.
Unter Weihnachtsbaum, Christbaum, Tannenbaum, Holunderbaum, Affenbrotbaum und Albtraumbaum liegt ein riesengroßes Päckchen Zeit. Meine eigene, ganz persönliche Zeit, nur für mich bestimmt, nur mir gehörend. Mit gierigen Händen wühle ich mich in das Päckchen, öffne mit zitternden bebenden feuchten vibrierenden transpirierenden Fingern mein Kleinod, schnapsfahnenfrei, stillenachtfrei, heiligenachtfrei, nikolausifrei, weihnachtsmannifrei und was weiß ich wie frei.
Eine neue Uhr habe ich bekommen, fürwahr ein schönes Instrument, muß ich ehrlich gestehen. Sie tickt, sie tackt, sie dreht, sie geht, sie sekündelt, sie minütelt, sie stündelt. Aber leider in die falsche Richtung. Denn ihre Zeiger bewegen sich vorwärts! Was bitte soll ich mit einer Uhr, welche mir die Zeit wegnimmt anstatt mir Zeit zu schenken? Ich brauche eine Uhr, deren Zeiger sich rückwärts drehen, Sekunde für Sekunde sozusagen ein Zeitgewinn. Eine Uhr muß re-ticken und re-tacken, sie muß anti-sekündeln, gegen-minüteln und rückwärts-stündeln. Und was bekomme ich? Einen Zeitstehler, einen Zeitdieb, einen Zeitverschwender, einen Zeitvergeuder, einen Zeitnehmer! Stellen Sie sich das bitte einmal vor! Ich bekomme einen Zeitnehmer! Einen Zeitnehmer! Und was wollte ich von Manni, Lausi und Clausi? Sie sagen es! Ich wollte einen Zeitgeber, einen stinknormalen, einfach zu bedienenden Zeitgeber, ohne Schnick, ohne Schnack, ohne Schnickschnack! Einen Zeitgeber, ohne Firli, ohne Fanz, ohne Firlifanz!
So appelliere ich also an Ihr zeitloses und jugendlich junggebliebenes Herz und bitte inständig: “Wer bitte hätte etwas Zeit für mich übrig?” Je mehr, desto besser! Und als kleines Dankeschön bekommen Sie eine nagelneue Uhr von mir. Mit viel Schnick, mit viel Schnack, mit noch mehr Firli und ganz viel Fanz. Auf der können Sie dann beobachten, wie die Zeit vergeht. Ihre Zeit, welche Sie mir geschenkt haben! So gebe ich Ihnen zum Schluß mit auf den Weg: Kommt Zeit, kommt Rat!
Oder war das womöglich: Geht Zeit, kommt Tod! Ich werde gelegentlich darüber nachdenken, vorausgesetzt mir bleibt noch etwas Zeit.

