Auszeit…(2. Teil: Der Plan)
Fortsetzung zu Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke)
Ein lautes Geräusch riß ihn aus seinen Tagträumen. W. kehrte mühsam an die Oberfläche zurück, schwamm mit schnellen hektischen Bewegungen aus den Tiefen seiner Gedankenleere, in welcher er sich seit Jahren am wohlsten fühlte. Dort, im Morast seiner Selbstvergessenheit, in dem er sich suhlend wälzte, jene Parasiten des Lebens, welche ihn tagtäglich bis zur Verzweiflung bissen, aus seinen Gedanken verbannend. Er hielt sich immer noch die stinkenden bräunlichen Fingerkuppen von Daumen und Zeigefinger unter seine von feinen roten und blauen Adern durchzogene Nase, jener untrügliche Indikator von zu viel Alkohol und zu wenig Lebenswillen und blickte verständnislos auf jenes Gerät, aus welchem das unangenehme Geräusch zu kommen schien.
“W., bist du es?”, hörte er die heisere Stimme von O., als er mühsam die Rufannahme auf seinem Handy fand. Er selbst konnte schon seit Wochen nicht mehr selbst telefonieren, da sich die Telefongesellschaft dazu entschlossen hatte, auf ihn als aktiven Gesprächsteilnehmer zukünftig zu verzichten. Nach mehreren Mahnungen, welche er ungeöffnet im riesigen Berg aus Rechnungen, Werbeprospekten, Gewinnversprechen und sonstigen postalischen Zeugnissen seines Daseins, welche den Tisch bedeckten, verschwinden ließ, dachte er kurzzeitig daran, sich dem Leben und seinen Rechnungen zu stellen. Zwei gute Gründe ließen ihn von diesem heroischen Vorhaben jedoch wieder abkommen. Zum einen kam er zum Schluß, daß er niemanden anrufen wollte, was aber weit schwerer wog, war die Tatsache, daß die Bezahlung einer einzigen Rechnung auch weniger Schnaps bedeutete und dies wollte er keinesfalls riskieren. So blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, daß ihn jemand anrief. Doch wer außer O. tat dies schon und so war W. nicht überrascht, als er die krächzende Stimme von O., welcher bereits zum wiederholten Male, während sich W. seinen Überlegungen hingab, “W., bist du es?” ins Telefon rief.
“Leck mich am Arsch, der ist wieder zugedröhnt“, sagte W. zu sich selbst, bevor er in das Handy “Und wer bitteschön sollte sonst da sein?” lallte. “Na super, der ist jetzt schon wieder bis zum Rand voll!”, O. verdrehte die Augen, als er auf die Uhr sah und die beiden Zeiger vor seinen Augen in schwindelnden Bewegungen zu tanzen begannen. “Wir müssen reden, und zwar gleich. Bevor Du jetzt etwas sagst, sag ich Dir was. Einfach zuhören und Schnauze halten. Also, wir….” “Was heißt Schnauz….” “Du sollst die Schnauze halten und mir zuhören! Also ich komm jetzt zu Dir und dann erklär ich Dir alles. Ich brauch circa eine dreiviertel Stunde, kommt natürlich drauf an, ob mich jemand in der U-Bahn erwischt. Dann wird´s ein bißchen länger dauern! Also nicht davonlaufen! Und hör mit dem Saufen auf!” Es war für einen Moment still in der Leitung. ”Apropos saufen. Kannst Du vielleicht was mitbringen? Ich sitz´ ziemlich auf dem Trockenen!” “Und mit was soll ich zahlen, Herr Gescheit? Also bis dann.”
O. sah zum Fenster hinüber und überlegte, was er anziehen sollte. Er hatte die Wahl zwischen einer Hose, deren Reißverschluß sich nicht mehr hochziehen ließ, auf halbem Weg zwischen oben und unten hatte sich das verdammte Ding so in den dicken Jeansstoff verklemmt, daß es unmöglich war, ihn mit den Fingern zu fassen zu bekommen oder er zog jene dünne Bundfaltenhose an, deren dazugehöriges Sakko so viele Brandlöcher hatte, daß wahrscheinlich sogar ein Dritte-Welt-Laden dankend abgelehnt hätte. Er entschied sich für die Jeans, zog sich seinen einzigen dicken Pullover darüber, dehnte ihn bis über die Oberschenkel und sah an sich herunter. Der Stoff seiner dünnen Socken war an den großen Zehen bereits durchsichtig, würde irgendwann in nächster Zeit reißen, um seine gelben bereits nach unten gekrümmten und ins Fleisch schneidenden Zehennägel preiszugeben. Er zuckte mit den Schultern, verfluchte sich und zog die braunen zerschlissenen Halbschuhe an. Geübt stieg er in hinein, ohne sich zu bücken, denn die ausgetretenen Schuhschäfte boten nur noch wenig Widerstand. Dann nahm er die dünne grün-karierte Sommerjacke, verfluchte sich ein zweites Mal und drückte die Eingangstüre mit einem kräftigen Ruck hinter sich ins Schloß. Ohne sich umzudrehen trat er mit der rechten Ferse dagegen, um sich zu vergewissern, daß sie auch wirklich geschlossen war.
Als er durch das spärlich erleuchtete Stiegenhaus ging, hörte er aus dem Etagenklo zu seiner Linken ein halblautes Blubbern. Hämisch verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen. “Durchfall”, dachte er im Vorbeigehen. “Sicher die Alte vorne rechts. Soll sich anscheißen bis zum Kreuz”. Vergnügt fing er an, “Non, je ne regrette rien” von Edith Piaf zu pfeifen, bevor er auf dem Absatz noch einmal stehenblieb und amüsiert auf das Stöhnen und Ächzen hinter der dünnen Klotüre zu horchen. Dann stieg er vorsichtig die im Halbdunkel liegenden Treppen hinunter, gab dem Hochstämmchen eines kümmerlichen Bäumchens, welcher sich verzweifelt auf einem der Treppenabsätze dem spärlichen Tageslicht entgegenstreckte, einen leisen Tritt. Raschelnd verlor dieser einige verdorrte bräunliche Blätter, welche langsam neben den weißen Übertopf zu dem kleinen Berg bereits abgestreifter toter Blätter fielen. Von oben hörte er, wie ein Mann anfing, laut und obszön zu schreien. Ein kleines Kind begann, gellend und durchdringend zu schreien. Wieder brüllte der Mann, für einen kurzen Moment war es plötzlich still, als ein lautes Krachen ertönte. Holz splitterte, Glas zerbarst, eine Frau fing an, vor Schmerzen aufzuschreien. Wieder fing die Kleine an zu schreien. O. wusste, daß es die Kleine aus dem vierten Stock war, weil die immer schrie, wenn der mit dem blauen Jogginganzug wieder einmal die Frau verprügelte. O. hörte auf, “Non, je ne regrette rien” zu pfeifen, die tote Piaf sang gerade schmerzerfüllt das Ende der zweiten Strophe “…C’est payé, balayé, oublié. Je me fous du passé!” Er hatte das Erdgeschoß erreicht, sein Blick glitt nach oben, an den fleckigen Wänden vorbei, deren Farbe an unzähligen Stellen abgeblättert war und das darunter liegende Mauerwerk schamhaft freigab. Ein Holzpfosten des schweren dunkelbraunen Geländers war eingeknickt, stand abgewinkelt ab. Oben sah er die Silhouette der Frau, schützend hob sie ihre dünnen Arme über ihren Kopf, auf die Knie gesunken kauerte sie im Halbdunkel, über ihr der Jogginganzug, welcher wie rasend auf sie einschlug. Die gellenden Schreie der Kleinen waren aus der Wohnung zu hören, wahrscheinlich stand sie hinter der Türe, die Augen krampfhaft geschlossen, den winzigen Mund mit den weißen Milchzähnen geöffnet, um Angst, Schmerz und Zorn in die Welt aus abgeblätterter Farbe und stummen Holzpfosten zu brüllen. O. suchte den Anfang der dritten Strophe der toten Piaf, achselzuckend ging er weiter, summte “Avec mes souvenirs. J’ai allumé le feu…”, um die schwere Haustüre zu öffnen und, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen, sich auf den Weg zu W., “meinem einzigen Freund in meinem beschissenen Leben” zu begeben.
Als O. das Zimmer von W. betrat, schlug ihm der schwere Atem von W. wie mit der flachen Hand in sein vom pausenlosen Schneesturm eiskaltes und gerötetes Gesicht. Er hatte mehr als 80 Minuten gebraucht, zwei Fahrscheinkontrolleure hatten ihn sogar bis auf die Strasse verfolgt. Beinahe wäre er sogar von einem vorbeifahrenden Auto erwischt worden, als er sich im Zickzack-Kurs an den anderen Fahrgästen auf der Rolltreppe vorbeidrängte und, oben angekommen, sich nach seinen Verfolgern umblickte und dabei versehentlich auf die Fahrbahn geriet. Er hörte das Quietschen, wendete instinktiv und rannte weiter Richtung Fußgängerzone, um in den Massen der Einkaufenden unterzutauchen. Irgendwer schrie ihm “Trottel” hinterher, Menschen blickten sich um und brachten den schnell Laufenden mit dem Schimpfwort in Verbindung, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. So ging er das letzte Stück zu W. zu Fuß, hielt sich immer wieder für ein paar Sekunden mit beiden Händen seine Ohren zu, um sie gegen die beissende Kälte zu schützen. Verstohlen kramte er seinen Hosentaschen, fand die letzte Tablette, nicht wissend, was er in der Hand hielt und schluckte sie hinunter. “Ich brauch dringend Stoff!”, dachte er, während er überlegte, der alten Frau mit der weinroten Wollhaube, auf welcher sich die dichten Schneeflocken schon in mehreren Schichten festgekrallt hatten, die Handtasche zu entreißen und im Gedränge der im Einkaufsrausch dahinvegetierenden Passanten zu verschwinden. Sie bewegte sich vorsichtig und mit kleinen trippelnden Schritten über das glatte Kopfsteinpflaster, sah immer wieder besorgt an ihrer rechten Seite hinunter. Ein kleiner langhaariger Hund, Vorder-, Hinterteil und Kopf hellbraun, der Bauch dunkelgefärbt, tapste neben ihr mit den gleichen unsicheren Schritten über das nass glänzende Pflaster. Sein Bauch zitterte von der Nässe und Kälte, die langen Haare klebten in unordentlichen Strähnen an seinem Körper. Aus verblödeten Augen sah er immer wieder zu der alten Frau mit der roten feuchten Wollhaube auf, blickte sie mit heraushängender Zunge liebevoll an, eine hellblaue Plastikmasche zwischen den Ohren. “Yorkshire-Terrier”, stellte O. fest, während er seine Schritte verlangsamte, um hinter der Alten zu bleiben. Dann überlegte er, ob er sie verfolgen sollte, um den Hund in einem günstigen Moment zu schnappen, um Lösegeld von der Alten zu erpressen. “Nein, wer weiß, wie lange die noch die Gegend stolpert!” Er dachte an die tote Piaf und die schreiende Kleine im vierten Stock und überholte die Alte mit dem Hund. Wirbelnd trugen die Schneeflocken die tote Piaf vor ihm her, sangen “Car ma vie, car mes joies. Aujourd’hui, ça commence avec toi!” “Denn mein Leben, denn meine Freuden. Das beginnt heute mit Dir”, sagte O. halblaut, als er an die Türe von W.´s Zimmer klopfte, seinem einzigen Freund in seinem Leben.
O. und W. gingen die letzten Details noch einmal Punkt für Punkt durch. Ihr Plan stand fest, ähnelte dem des Banküberfalls vor vielen Jahr fast in sämtlichen Einzelheiten, zwei gravierende Details ausgenommen. Die Verkleidung hatte sich dieses Mal geändert, sie wollten beide Kostüme tragen, um eine mögliche Verbindung zum letzten Überfall zu vertuschen. “Sicher ist sicher“, sagten sie sich. Der zweite Unterschied bestand darin, daß sie sich aufgrund des langen Zeitraumes, welcher zwischen den beiden Überfällen lag, weder an Einzelheiten noch an ihre Vorgehensweise on damals erinnern konnten. Daß hierbei der Drogen- und Alkoholkonsum eine tragende Rolle spielen konnte, wollten sie sich weder eingestehen noch dachten sie im entferntesten daran, diesen Umstand zu berücksichtigen. W. hatte zwei täuschend echte Waffen organisiert, für ihn kein Problem aufgrund seiner immer noch guten und weitreichenden Verbindungen zum Spielzeughandel. Als O. seine Waffe, eine schwarze Wasserspritzpistole bedächtig in der Hand wog, dachte er an seinen Sohn, wie er ihm zu seinem achten oder vielleicht auch neunten Geburtstag solch ein Spielzeug schenkte, sah das lachende Gesicht plötzlich aus dem Nichts des Verdrängten auftauchen, erinnerte sich daran, wie er sich immer auf den flauschigen Wohnzimmerteppich fallen ließ, so oft er von seinem Sohn mit Wasser bespritzt wurde, immer zielte dieser auf die Herzgegend seines Vaters, ein Auge zugekniffen, das andere ihn über den Plastiklauf fixierend. Seine Frau sah aus der Küche herein, tadelte die beiden ob des lauten Gebrülls, um sich wieder befriedigt und glücklich lachend, aber erst, nachdem sie sich umgedreht hatte, der Weihnachtsgans zu widmen. Sie hatten die Bescherung vorgezogen, wollten ihren ganzen Stolz bereits am späten Nachmittag glücklich sehen und erzählten ihrem Sproß, daß der Weihnachtsmann aufgrund eines sehr wichtigen Termins schon am Nachmittag bei ihnen war, um die Geschenke zu bringen.
Es ging gründlich schief, um nicht sogar von einem regelrechten Fiasko sprechen zu wollen. Der rote Mantel, welchen O. zuoberst aus dem dreckigen Berg Wäsche von W. gewählt hatte, W. hatte ihn erst gestern noch getragen, wie er glaubhaft versicherte, war viel zu groß. Nicht nur, daß O. in den tiefen Manteltaschen eine ganze Batterie leerer Flachmänner fand, O. kam musste unvermittelt an den Klassiker “Friedhof der Kuscheltiere” denken, sondern der Gestank war geradezu atemraubend. Als er nach weiteren toten Körpern sprich leeren Flaschen auch die Innentaschen durchsuchte, gruben sich seine Finger in etwas feuchtes Weiches. Erschrocken fuhr er zurück, die Hand kam wieder zum Vorschein, sie war voller Kot, die dazugehörige Unterhose klebte an seinen Fingerkuppen. O. würgte den aufsteigenden Brechreiz wieder nach unten, während er sich die Finger am Bund der viel zu großen Hose angeekelt abwischte.
So kommen wir zum heutigen Schluß der Trilogie Auszeit. Nachdem O. und W. nun also nach ihrem Gedanken auch den dazugehörigen Plan für ihr Vorhaben bewältigt haben, geht es im nächsten und letzten Teil Auszeit…(3. Teil: Das große Sterben) daran, Taten folgen zu lassen. Wenn auch Sie Zeuge werden wollen, mit welch schrecklichem Blutbad, soviel sei an dieser Stelle schon einmal verraten, die Geschichte endet, kommen Sie wieder. Doch bis dahin lassen wir wieder ein paar Tage vergehen.

