Barbara Rosenkranz wählt Blau-Pause!
“Zeit zu gehen!”,
dachte ich, als mich ein Blick auf die Uhr darin bestätigte, daß es wieder einmal soweit war, den beschwerlichen Weg zur Arbeit anzutreten. Also verabschiedete ich mich von Frau und Kind, packte meine sieben Sachen und machte mich auf den Weg zur Schnellbahn. So ging ich meines Weges, dachte nichts Böses, dachte wohl auch nichts Gutes, dachte eigentlich wenig bis überhaupt nichts. Ich setzte Schritt für Schritt, einer links, einer rechts, den einen für Heinz Fischer, den anderen für Barbara Rosenkranz, einen Schritt links, der andere ganz weit rechts.
Für alle jene, die sich dieser Bedeutung meiner linken und rechten Schritte nicht bewußt sind respektive welche zu Heinz Fischer und Barbara Rosenkranz keinen Bezug haben, was ich vollkommmen verstehen kann, da auch ich zu Rosenkranz und Fischer nicht den geringsten Bezug habe, sei angemerkt, daß es sich hierbei um zwei unserer Kandidaten für die Wahl zur österreichischen Bundespräsidentin/zum österreichischen Bundespräsidenten 2010 handelt. Weiterhin muß ich natürlich noch der Form halber betonen, wobei ich selbstverständlich auf die Meinungsfreiheit in unserem Staate vertraue, daß die Tatsache meiner Bezugslosigkeit sowohl zu Heinz Fischer als auch zu Barbara Rosenkranz nicht als Diffamierung verstanden werden soll, sondern daß mein bisheriges Leben ohne persönliche Kontake zu den beiden genannten Personen verlief und mir aus diesem triftigen Grunde jeglicher Bezug zu genannten Persönlichkeiten fehlt. Übrigens, den dritten Kandidaten oder Bewerber für die österreichische Bundspräsidentenwahl 2010, den sehr verehrten Herrn Dr. Rudolf Gehring, muß ich in meinem ganz speziellen Falle außen vor lassen. Auch dies hat weder mit Diffamierung und schon gar nicht mit Diskriminierung zu tun, eigentlich gehört Herrn Dr. Gehring sogar meine geschätzte Hochachtung, schließlich ist er bekennender Christ und vertritt damit immerhin eine Minderheit, aber vor allem eine Weltanschauung, welche dem Begriff der Nächstenliebe in Zeiten wie den unsrigen eine völlig neue Bedeutung gibt. Alleine das wunderschöne Weihnachtslied “Ihr Kinderlein kommet” läßt mich immer wieder von Neuem an die römisch-katholische Kirche und ihre sprichwörtliche Kinderliebe denken, einer ganz und gar schlagkräftigen Liebe zu den Kindern, wie man so manches Mal in den Medien hört, sieht und liest.
Ein Schelm aber auch, wer jetzt denken würde, daß dieses Hören, Sehen und Lesen (Sagen) einen Rückschluß auf die berühmten drei Affen zuließe, welche diesen drei Eigenschaften nicht die geringste Bedeutung zukommen lassen, weit gefehlt! Schließlich wusste sowieso jeder, nun gut, nicht jeder, aber zumindest einige bis einige mehr oder vielleicht auch einige viele, sei es nun vom Hören, Sagen oder Sehen, daß die Institution Kirche dem Thema Kinderliebe besondere Aufmerksamkeit widmet, schenkt und angedeihen läßt. Ganz im Gegensatz zu jenen drei Affen, welche sich unmißverständlich durch bedeutungsvolle Gesten dem Reden, Sehen und Hören verschließen.
Aber das ist wieder ein vollkommen anderes Thema. Ich wollte vielmehr anführen, warum ich Herrn Dr. Rudolf Gehring meine geteilte, ungeteilt schon gar nicht aufgrund der linken und rechten Begleitung in Form von Frau Rosenkranz und Herrn Fischer, Aufmerksamkeit während meines Gehens Richtung Schnellbahn nicht schenken konnte. Der Grund hierfür ist ein trivialer, bei näherer Betrachtung sogar einleuchtender, womöglich für das Lager der Christen sogar erleuchtender. Ich bin ein Vertreter der sogenannten Gattung Homo sapiens, Sie wissen schon, leichtfertig und umgangssprachlich auch als Mensch bezeichnet. Und als solcher obliegt es mir, auf und durch diese Welt auf zwei Füssen zu wandeln, nicht mehr aber, Darwin sei Dank, auch nicht weniger. Und da ich stillschweigend bereits diesen beiden Gehwerkzeugen ihre Aufgaben zugedacht hatte, links wandelt der imaginäre Herr Heinz Fischer, rechts befindet sich Frau Barbara Rosenkranz, war für Herrn Dr. Rudolf Gehring einfach kein Platz mehr. Hätte ich drei Füsse zur Verfügung, hätte ich selbstredend Dr. Gehring gerne in unserer trauten Runde aufgenommen, aber so blieb mir nichts anderes übrig, als ihn zu übergehen. Welch herrliches Wortspiel! Ich ging mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, die sich rechts befindet und trotz alledem muß ich Dr. Gehring übergehen.
Wüsste ich es nicht besser, würde ich ein Dramolett daraus machen, aber es hat sich der leider viel zu früh verstorbene Thomas Bernhard schon mit seinem Stück “Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ bereits dieser Idee bedient. So ziehe ich also den möglicherweise voreiligen Schluß, daß Dr. Gehring mit uns, also mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, welche rechts steht und natürlich auch rechts geht, mit uns nicht wird Schritt halten können. Nebenbei bemerkt, welch wunderbares Getier muß ein Tausendfüßler sein, nicht daß er unbedingt derer tausend Füße sein eigen nennen darf, aber zumindest kann er sich neben roten Lackschuhen, blauen Stiefeln und gelben Sandalen auch schwarze High-Heels oder grüne Turnschuhe anziehen, immer vorausgesetzt, sie stehen zum Abverkauf. Aber gut, lassen wir den dezimierten Tausendfüßler weiter seiner Wege ziehen und halten wir wieder Schritt mit unserer kleinen Gruppe.
Ich befinde mich nun, nach vielen Metern des imaginären Wandelns mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, welche auf den letzten Metern noch etwas weiter rechts steht und natürlich auch geht, Dr. Gehring wandelt in dieser Zeit in der Mitte seiner rechten Glaubensgemeinschaft der Christen, verfolgt uns sozusagen auf Schritt und Tritt, man könnte in diesem speziellen Falle durchaus von einer regelrechten Christenverfolgung sprechen, ohne dies werten zu wollen, also ich befinde mich endlich am Ziel meines Begehrens, der Schnellbahn. Zufälligerweise schreiben wir Sonntag, den 25. April 2010 Anno Domini oder, um Herrn Dr. Rudolf Gehring nun doch noch ein gewisses Maß an Ehrerbietung entgegenzubringen, wir haben Sonntag, den 25. April 2010 Anno Domini Nostri Iesu Christi. Es ist der Tag des Herrn, selbstredend ist es auch der Tag der Dame, schließlich stehen nicht nur die Herren Fischer und Gehring zur Disposition, sondern ebenfalls Frau Rosenkranz.
Von weitem schon höre ich fröhliches Lachen, freue mich innerlich, bald mir freundlich gesinnte Menschen zu sehen. Und siehe da! Schon werde ich ihrer gewahr. Vier junge Menschen, welche mir mit entwaffnendem Charme eine kleine Grußbotschaft hinhalten. Schon will ich begierig zugreifen, denn mit der kredenzten Botschaft wird mir ebenfalls ein Kugelschreiber als Präsent hingehalten. Was gibt es Schöneres für einen Mann des Schreibens als ein dafür benötigtes Werkzeug, und dieses gratis, kostenlos und umsonst? Doch irgend etwas läßt mich zögern. Ich weiß nicht, was es ist? Vielleicht Heinz Fischer zu meiner Linken, aber möglicherweise auch die mich verfolgenden Christen mit ihrem Dr. Gehring in ihrer gläubigen Mitte, keinesfalls jedoch Barbara Rosenkranz, die immer brav rechts bleibt, am rechten Rand, schließlich befinden wir uns alle gemeinsam am Rande einer verkehrsreichen Strasse und da ist Vorsicht geboten, um nicht unter die Räder zu kommen. Die jungen Menschen tragen alle entzückende Pullover und auf jedem dieser entzückenden Kleidungsstücke prangt in entzückend blauer Schrift FPÖ. Ich glaube sogar, mich erinnern zu können, daß dieses FPÖ auf der rechten Seite aufgedruckt war, ziemlich weit rechts, wie mir jetzt nach längerem Nachdenken wieder einfällt, eigentlich ganz rechts war dieses FPÖ aufgedruckt, wie mir nach noch viel intensiverem Sinnieren und Stracheieren wieder einfällt. Ich zucke also unmerklich zurück, meine rechte Hand will sich zwar begierig nach vorne schieben, will diesen schreibenden Strohhalm ergreifen und triumphierend von dannen ziehen, aber von links bekomme ich gehörig eine auf die Finger. Haben Sie übrigens die beiden Wörter Sinnieren und Stracheieren bemerkt, welche ich verwendet habe? Beiden ist die Endung “…ieren” gemein, das eine beginnt mit Sinn, das andere mit Strache, fragen sie mich jetzt allerdings nicht, ob dies in irgendeinem kausalen Zusammenhang steht.
Ich lasse also die leere Hülle mit lauer Tinte, den Kugelschreiber meine ich, was denn sonst, sein und schaue betrten zu Boden. Beleidigt murmle ich etwas von “Entschuldigung, aber ich bin Anal-Phabet, die Betonung natürlich auf der zweiten Silbe, also An-Alphabet!” Vom Hörensagen glaube ich, daß man dieses Wort sogar Analphabet schreibt, also zusammen, sicher bin ich mir aber jetzt nicht. Also lasse ich den schönen neuen blauen Kugelschreiber sowohl links als auch rechts liegen, besteige alleine die Schnellbahn und höre noch, wie Heinz Fischer zu Barbara Rosenkranz sagt: “Also, dem geb ich sicherlich nicht meine Stimme. Da wähl ich lieber weiß!” Und bevor sich die Türen schließen, werde ich noch der Worte von Barbara gewahr, wie sie erwidert: “Weiß der Teufel, oh, Entschuldigung Rudolf, wie der jemals sein Kreuz ohne meinen schönen blauen Kugelchreiber machen will. Dem bleibt wirklich nichts anderes übrig als weiß zu wählen!”
Jetzt sitze ich also in der Schnellbahn, still ist es, die Füße schmerzen gehörig, sowohl der linke als auch der rechte. Und im Schritt, also zwischen den Beinen, sozusagen in der Mitte, tut es auch gehörig weh. Aber zumindest habe ich eine weiße Weste. Ich bin noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, obwohl ich schon schwarz gesehen habe, weil ich Angst hatte, rot sehen zu müssen. Aber dafür gibt schließlich überhaupt keine Grün(de).

